Heldinnen von einst

4. April 2019, Leutert Nora
Federica de Cesco auf ihrem Balkon in Luzern, gleich am See, wo sie auch heute noch oft joggen geht. Foto: Peter Pfister

Federica de Cesco ist 81 Jahre alt und noch immer eine Wucht. Zu Besuch bei der Grande Dame der Jugendliteratur.

Erzähl einer Frau, egal welchen Alters, dass du Federica de Cesco triffst: Alle reagieren mit der gleichen Begeisterung; alle haben die de Cesco-Abenteuerbücher verschlungen in ihren Mädchenjahren. 

Die italienisch-deutsche Schriftstellerin wurde durch ihre Romanheldinnen zum Jugendidol. Aber wie tickt die Frau, die man seit Kindheit bewunderte?

De Cesco lädt in ihre Wohnung in Luzern. Erst muss man mal reinkommen in diesen bunkerhaft noblen Wohnkomplex am See, wo die Schriftstellerin zusammen mit ihrem Mann, dem Fotografen Kazuyuki Kitamura, seit Jahren lebt. Dann aber wird man herzlich begrüsst, es werden einem Finken angeboten, de Cesco bittet in ihrer zerstreuten, lebhaften Art an den Wohnzimmertisch. «Ich schmeiss immer alles um», sagt sie wiederholt, weshalb meist ihr Gatte in der Küche steht und nun auch Kaffee und Kekse serviert. 

Die Signora hat längst begonnen, munter drauflos zu erzählen, schnell und sprunghaft, in einer Mischung aus literarischer Schriftsprache und Schweizerdeutsch. Immer mal wieder ruft sie ihrem Mann eine Frage auf Französisch zu, der sich derweil in sein Arbeitszimmer zurückzieht, um sich Kubricks Space Odyssey anzuschauen. 

Federica de Cesco, wenn Sie durch Luzern gehen und die Mädchen von heute sehen, was denken Sie?
Federica de Cesco Die Mädchen sind schön. Schöner als in der Zeit, als ich jung war. Sie wissen sich besser zurechtzumachen, sind schön gebaut. Damals hatte man kürzere Beine.

Kürzere Beine?
Ja, die Leute hatten früher kürzere Beine, die waren kleiner. Heute haben die Mädchen elegante Gestalten und tragen die Haare natürlich, nicht wie Choucroute. Das gefällt mir. Auch die heutige Mode finde ich recht hübsch. Obwohl, es gibt die neue Prüderie. In den 70er-Jahren ging ich baden, und was trug ich? Ein Bikinihöschen und oben eine Kette; eine Halskette.

Im «Roten Seidenschal», den Sie mit 16 Jahren schrieben, heisst es von der Heldin Ann Morrison, sie sei «nicht schön, ja kaum hübsch zu nennen». Das schien Ihnen damals wichtig.
Die Mädchen trugen früher alle eine Schürze, Schleifchen und Wollstrümpfe, das ist heute unvorstellbar. Ich hatte das Bedürfnis, den Stereotypen zu entgehen, meine Heldin sollte energisch sein.

Man darf annehmen, dass Sie Feministin sind?
Feministin zu sein, ist für mich das Normalste auf der Welt. Ich sehe überhaupt keinen Grund, viel Aufhebens darum zu machen. Ich habe mich immer schlichtweg wie ein Mensch benommen. Wenn ich mich in die Nesseln setzte, dann war mir das immer furchtbar egal. Ich habe gemacht, was ich wollte, und wenn das den Leuten nicht passte, nun, dann bin ich ein wenig handgreiflich geworden. Italienerin, wissen Sie? Ich bin ja zur Hälfte Italienerin.

Dann schlug Ihr Temperament durch, meinen Sie?
Ja, was machen die Italienerinnen, wenn ihnen jemand zu nahe tritt? Dann brüllt die lädierte Frau nicht MeToo, sondern sie dreht sich um und knallt demjenigen eine Watsche, dass die Wände wackeln (lacht). 

Ok.
Die jungen Frauen von heute machen mir schon a chli Sorge, ich sage mir da: «Äpfelchen, wohin rollst du?»
Sie haben heute ja alle Möglichkeiten. Aber wenn man alle Möglichkeiten hat, dann kämpft man nicht mehr. Man riskiert, das, was man errungen hat, zu verlieren. Ich habe das Gefühl, die jungen Frauen sind ein wenig zu passiv.

In der Schweizer Provinz hatten die jungen Frauen früher jedenfalls weniger Möglichkeiten. Ihre Abenteurerinnen-Bücher waren für viele eine Rettung.
Ja, das haben mir viele Frauen gesagt. Ich glaube, das Leben vor 30 Jahren in der Provinz war nicht immer lustig. Die Bücher haben den Mädchen tatsächlich gezeigt, dass es auch anders sein kann. Und dass sie dafür gar nicht wie im roten Seidenschal zu den Indianern, sondern nur ein wenig in sich selber zu gehen brauchten. Die Mädchen haben die Heldinnen in den Büchern erlebt und sagten sich, hey, wir können das ja auch. 

Heute hat man auch in der Provinz mehr Zugang zur Welt.
Man hat Zugang zur Welt, aber wie ist die Welt geworden? Auf der einen Seite kommt Donald Trump, auf der anderen Seite der ganze Einfluss des Islams. Das ist beiderseits nicht gerade das, was man sehr weltoffen nennen würde. 

In dieser Welt also – brauchen die Mädchen da noch Heldinnen?
Ja, sie brauchen Heldinnen. Aber ich finde die Heldinnen, die man ihnen heute gibt, ungeeignet. Tribute von Panem, das geht, das hat mir noch gefallen. Aber Twilight und diese anderen Bestseller, wo ist denn da das selbstbewusste Mädchen?
Ich habe zuvor Amerika erwähnt, da gibt es eine ziemlich starke culture masculine, eine männliche Muskelkultur. Mein Mann und ich, wir gehen sehr häufig ins Kino. Auf den Filmplakaten ist meistens ein Mann im Vordergrund und hinter seiner Schulter lugt eine Frau hervor. 

Wenn Sie dieser Tage wieder eine Jugendheldin entwerfen würden: Wie wäre die, was würde sie machen?
Die Heldin, die ich heute entwerfen würde, die wäre Umweltschützerin und Wissenschaftlerin. Die würde den Klimaschutz mit wissenschaftlichem Know-how angehen; etwas erfinden, um den Klimawandel zu stoppen. Ich würde das am Rande von Science-Fiction schreiben. Wie Stanley Kubricks Odyssee im Weltraum (lacht). 

Lesen die jungen Mädchen von heute Ihre Bücher noch?
Einige davon sind Klassiker geworden. Als Der rote Seidenschal erschien, interessierten sich 13- bis 17-jährige Mädchen dafür. Heute wird er auch von Buben gelesen – aber von Kindern, nicht mehr von Teenagern. Mein Publikum hat sich altersmässig nach unten verlagert.

Seit den 90ern schreiben Sie auch Bücher, die nicht für ein minderjähriges Publikum gedacht sind.
Ja, das erste war die «Silbermuschel», da hab ich mir gesagt: Ich will jetzt mal erotisch schreiben. Die Leserinnen haben das sehr gerne gemocht. 

Was machen Sie anders, wenn Sie für Erwachsene und nicht für Jugendliche schreiben?
Man kann mehr in die Details gehen, nicht nur erotisch. Ich kann mehr philosophischen, esoterischen und psychologischen Background bringen.

Was man in Ihren Romanen immer findet, sind die freiheitsliebenden Figuren.
Ja. Ich selbst habe beispielsweise den Freiheitskampf der Tibeter sehr unterstützt. Es ist für mich wichtig, dass der Mensch frei bleibt. Das ist ein linkes Anliegen, wobei ich politisch eher in der Mitte stehe. Ich schaue nach links und rechts und denke, was der sagt, ist gut – aber was die sagt, ist auch gut. Und wenn man daraus einen Mix macht, sollt’s passen (lacht).

Man stellt sich gern vor, dass Sie selbst Ihr Leben lang eine Rebellin waren.
Mein Rebellentum? Mamma mia, das war ganz schlimm. Ich habe nichts so gerne gemacht, wie Verbote zu übertreten, wenn ich den Sinn darin nicht sah. 

Sind Sie heute noch eine Rebellin?
Mein Mann sagt, er würde mit mir nie nach Saudi-Arabien gehen. Denn wenn man mir ein Kopftuch aufzwingen würde, wäre ich imstande, es mir mitten auf der Strasse vom Kopf zu reissen. Ich weiss, ich würde im Kittchen landen. Das Kopftuch ist für mich eine Herabsetzung der weiblichen Würde. Ich kann das nicht leiden. Wollen Sie wissen, warum?

Ja, warum?
Anfang 60er-Jahre, als Algerien noch ein Kolonialland war, da habe ich mitgekriegt, wie die Algerierinnen wie die Löwinnen gekämpft haben, um Minijupe zu tragen und sich gegen den Tschador zu wehren. Und was machen sie jetzt? Sie ziehen ihn wieder an. Ich finde diese Frauen einfach blöd.

Hatten Sie nicht auch Romanheldinnen, die Kopftuch trugen?
Die Aischa, die schmeisst ihren Tschador in die Büsche! Die macht ja alles, was sie nicht darf. Sie isst Schweinefleisch, und sie hat einen vietnamesischen Freund und schläft mit ihm. Das gefällt mir und das würde ich auch so machen. 

Zum Schluss noch etwas anderes: Sie haben ihr Leben lang nur Hosen getragen. Gibt es eigentlich nach wie vor keine Röcke in Ihrem Kleiderschrank?
Nein, ich besitze keine Röcke. Ich habe mich daran gewöhnt, locker zu sitzen und meist mit den Händen in den Hosentaschen rumzulaufen. Mein Mann würde sich kaputtlachen, wenn ich einen Jupe tragen würde (lacht).

Es hat mich sehr gefreut, Sie zu  treffen, Frau de Cesco.
Sie haben übrigens eine schöne Tätowierung, darf ich mal sehen? Die können Sie auch mit 90 noch gut tragen.

Haben Sie auch welche?
Ich hab keine. Ich fürchte mich vor jedem Piekser. Und in Japan darf man nicht.

Ah ja, davon hab ich auch schon gehört.
In Japan ist eine Tätowierung Zeichen der Unterwelt. Mit Tätowierung darf man nicht in die Thermalbäder. Und darauf hab ich keine Lust; ich will in die Thermalbäder (lacht).

Federica de Cesco eröffnet dieses Jahr am Samstag, 6. April, um 19.30 Uhr  im Stadttheater Schaffhausen das Literaturfestival «Erzählzeit ohne Grenzen» (6. bis 14. April 2019) und stellt ihren neuen Roman «Der englische Liebhaber» vor. 

Federica de Cesco

Federica de Cesco wurde 1938 als Tochter eines italienischen Vaters und einer deutschen Mutter im norditalienischen Pordenone geboren. Sie wuchs mehrsprachig auf und verbrachte den Grossteil ihrer Jugend in Italien und Belgien, studierte später Kunstgeschichte und Psychologie in Lüttich. Seit 1962 wohnt sie in der Schweiz.

Mit 16 schrieb de Cesco den Erfolgsroman «Der rote Seidenschal», dem über 50 Kinder- und Jugend- und später auch Erwachsenenbücher folgten. Ihr neuester Roman «Der englische Liebhaber» erzählt eine Liebesgeschichte im Deutschland der Nachkriegszeit, basierend auf wahren Begebenheiten aus der Familie der Autorin.