Zwingli-Städtli

22. Januar 2019, Leutert Nora
Zwingli war kein Asket, sondern ein Lebemann.

Der Film über Zwingli erfüllt die Erwartungen. Viel anderes macht er nicht. Dafür gibt es jetzt eine Zwingli-Wurst am Drehort in Stein am Rhein.

Noch selten hat man Männer so bedeutungsvoll ein Wursträdli essen sehen. Denn was da gerade passiert im Zwingli-Film, ist nichts Geringeres als das berühmte Zürcher Wurstessen: das provokative Fastenbrechen im Hause des Druckers Froschauer anno 1522, bei dem Zwingli dabei war. Das Wurstessen ist für die Schweizer Reformation etwa das, was Luthers Thesenanschlag in Wittenberg für die deutsche ist.

Dieses Jahr ist das 500-Jahre-Jubiläum der Reformation in der Schweiz. Und damit auch der Moment, um mit dem schlechten Image von Zwingli aufzuräumen. Der war ja, wie man in letzter Zeit überall liest, eben so gar nicht der lustfeindliche, biedere Typ, für den ihn alle halten: allen voran die Zürcher selbst, die sich zu mondän sind für einen wie ihren Zwingli.

Dafür hat Zwingli jetzt in Stein am Rhein Asyl in den Herzen gefunden. In der lokalen Metzgerei gibt’s die Zwingli-Wurst zu kaufen. Die Staaner sind, wie Sebastian Babic am Samstag bei der Begrüssung zur Zwingli-Vorpremiere im Schwanenkino sagte, stolz darauf, dass die mittelalterliche Zwingli-Stadt (zu etwa 80 Prozent) vom Filmteam ins Städtli und vor allem ins Kloster St. Georgen verlegt wurde.
Das mit dem Wurstessen ist natürlich tricky: Zwingli war zwar anwesend im Hause des Druckers an jenem Fastensonntag, soll aber verzichtet haben, als es um die Wurst ging. «Es isch gschieder, wenn ich nöd», sagt er im Film betont. So, dass man sich als Zuschauerin ganz gmerkig fühlt, weil man sofort erkannt hat, wie wichtig die Aussage war.

So fühlt man sich oft. Denn eigentlich alles, was die Personen in diesem Film sagen, ist wichtig: weil es sich oft um grosse Worte handelt, die genauso in die Geschichte eingegangen sind oder sein könnten wie die verbotenerweise verputzten Würste (20 Stück waren es angeblich). Aber vor allem auch, weil zwischen den Figuren immerzu erklärende Dialoge stattfinden, die das Publikum über die Reformationsfacts unterrichten. Denn der historische Stoff der Zürcher Reformation ist dicht. Und von höchster nationaler Bedeutung. Das Grundrezept für diesen Film besteht ganz in diesem Sinne in didaktischer geschichtlicher Genauigkeit, angereichert mit einer angemessenen Ladung an gesundem Pathos.

Der Zwingli-Stoff lag völlig brach in der Filmlandschaft, abgesehen von einem Streifen, der in den 80er-Jahren gedreht wurde. Die Erwartungen an diese Grossproduktion der Schweizer Firma C-Films, mit 6 Millionen Franken Budget eine der teuersten der Schweizer Filmgeschichte, waren riesig. Der Zürcher Regisseur Stefan Haupt und sein Team haben die Erwartungen erfüllt. Historische Kulisse, Ausstattung, Kameraarbeit, geschichtliches Geschehen: alles einwandfrei und schön anzuschauen. Überraschen tut der Film aber nie.
Schaffhauserinnen und Schaffhauser sehen den Film allerdings natürlich auch mit anderen Augen. Wenn wieder einer der Reformations-Freunde donnert «Mir sind do z’Züri» denkt man natürlich gezwungenermassen: «ähm, nein, ihr seid in Stein am Rhein.»

Ein bisschen wartet man vielleicht auch deswegen vergeblich auf den packenden Moment oder auf das Bild, wo es einem den Ärmel reinnimmt. Der Film hat Drive, zieht aber, ohne prägende Eindrücke zu hinterlassen, an einem vorbei.

 

«Zwingli», täglich, Kino Kiwi-Scala (SH)