Der Unverbitterbare

13. Dezember 2018, Rusch Marlon
Winter in Oerlikon. Foto: Peter Pfister
Winter in Oerlikon. Foto: Peter Pfister

Franz Hohler steigt pfeifend die Treppe seiner Villa in Oerlikon herab, vorbei an diversen Päckchen, die der Pöstler am Morgen im Treppenhaus abgeladen hat. Er stellt sich, auf Anweisung des Fotografen, in den Garten. Nachdem das Foto im Kasten ist, holt Hohler zum Gegenschlag aus. Quid pro quo. Oder wie Hohler es nennt: Gegenschuss. Die Bilder, die er jeweils von den Fotografen schiesst, sind schon im Tagi-Magi erschienen. Heute druckt er den Gegenschuss gleich eigenhändig aus und gibt ihn dem Fotografen mit auf den Weg. Dann geht es ins Studierzimmer, da, wo schon hunderte Journalistinnen und Journalisten sassen, zwischen ihnen und Hohler ein kleines Tischlein für das Aufnahmegerät, und gebannt lauschten, was der grosse alte Mann der Schweizer Literatur zu sagen hat. Man würde am liebsten über alles mit ihm reden, denn er hätte bestimmt zu allem etwas Kluges zu sagen. Doch Hohler hat natürlich auch einen ziemlich vollen Terminkalender.

Franz Hohler, in Schaffhausen gibt es ein neues geflügeltes Wort: «Einfach mehr Leben». Was könnte das bedeuten?
Einfach mehr Leben… es tönt gut. Aber es ist sehr vielseitig auslegbar.

Es könnte alles bedeuten?
Wenn es bedeutet, dass man sich auf seine wirklichen Werte besinnen will, darauf, was einem wichtig ist, mehr Leben, dann wäre das eine gute Leitlinie. Wenn es bedeutet, kümmern wir uns doch nicht um den ganzen Scheiss der realen Welt und der Politik, das geht uns alles nichts an, wir leben jetzt einfach, dann ist es ein eher fragwürdiger Slogan.

Es ist der Slogan einer neue Imagekampagne.
Ahja?

Damit soll Standortmarketing betrieben werden. Im Grossraum Zürich sollen junge Familien angesprochen und dazu animiert werden, nach Schaffhausen zu ziehen, in Schaffhausen zu leben, zu arbeiten, Steuern zu zahlen. Ein guter Slogan?
Er ist relativ unverbindlich. Jeder kann ein wenig denken, was er will.

Wie würden Sie Schaffhausen in Zürich bewerben?
(denkt nach) Von Allerheiligen bis Casino – alles da.

Von sakral bis superkommerziell?
Ich meine das Museum. Aber es ist ja nicht meine Aufgabe, für Schaffhausen einen Werbeslogan zu entwerfen. Ich habe nie Werbung gemacht.

Wir sitzen im Arbeitszimmer Ihres Hauses in Oerlikon. Welches Standortmarketing hat Sie hierher gebracht?
(lacht) Die mangelnde Niederlassungsfreiheit. Wir haben vorher in Uetikon am See gewohnt und mindestens zwei Jahre versucht, etwas Passendes im Gravitationsfeld von Zürich zu finden.

Das war in den 70er-Jahren?
Ja, in der zweiten Hälfte der 70er. Schliesslich haben wir dieses Haus hier gefunden. Man muss sich niederlassen, wo man etwas findet.

Man kann aber wählen, wo man sucht.
Ja. In Schaffhausen habe ich nicht gesucht, auch in Olten habe ich nicht gesucht.

In Olten sind Sie aufgewachsen. Warum sind Sie weggegangen?
Ich bin wegen des Studiums nach Zürich gezogen. Und diese Stadt hat mir immer gefallen, ich fand sie immer interessant. Von der Dynamik her, wie sich die Weltprobleme hier kristallisieren. Ob es um Drogen geht oder um Asylbewerber – die ganzen sozialen Fragen sind in einer Stadt wie Zürich rascher spürbar.

Ist man auf dem Land – im Umkehrschluss – eher ein wenig weltfremd?
Das muss nicht sein. Aber man wird vielleicht nicht so stark mit der Welt konfrontiert.

Man muss sich zwingen, sich auseinandersetzen.
Man muss die Augen aufmachen und sich dafür interessieren, was ausserhalb des Einfamilienhäuschen-Biotops geschieht. In der ländlichen Idylle ist es leichter, sich fernzuhalten. Dabei gibt es gar keine Provinz in der Schweiz; es gibt überall Leute, die sich interessieren, sich auseinandersetzen, an Lesungen gehen. Es gibt ja in den kleinsten Dörfern tolle Veranstaltungsorte, all diese geschlossenen Fabriklein, die Turbinenräume und Rathausscheunen. Von daher habe ich das Gefühl, Provinz sei kein geographischer Begriff mehr, sondern ein mentaler. Man kann auch in Zürich provinziell leben.

Ernst…

Franz Hohler: Durchaus skeptisch…

Wenn ich in Zürich mit den Menschen rede, denken die oft, Schaffhausen liege viele Stunden von Zürich entfernt. Die totale Peripherie, ennet dem Rhein, praktisch Deutschland.
(lacht) In diesen Chor stimme ich nicht ein.

Schaffhausen und Oerlikon sind gar nicht so verschieden, was ihre Entwicklung angeht. Etwa gleich gross, beides ehemalige Industriestandorte, die in den vergangenen Jahrzehnten ein neues Gesicht bekommen haben.
Wenn man Oerlikon als Einheit anschaut, hat es einen interessanten Gang gemacht in den 40 Jahren, in denen ich hier wohne. Damals sah man um 17 Uhr auf den Strassen, dass die Fabriken Feierabend machen. Dann fuhren die Männer mit ihren Mützchen und den Ledermäppchen hinten auf dem Töffli die Hofwiesenstrasse hoch. Heute sieht man junge Leute, gut pomadisiert, gut angezogen, mit Kickboards und Laptoptäschchen, die von den Dienstleistungsgebäuden hinter dem Bahnhof rüberkommen.

In Schaffhausen dasselbe Spiel. Vor 50 Jahren waren es tausende eingerusste Metallarbeiter, die am Abend vom Mühlental her in die Stadt strömten. Nach der Deindustrialisierung hat man ausländische Firmen angesiedelt. Heute kommen die Leute immer noch von der Büez, tragen aber Anzug und Krawatte. Gefällt Ihnen diese Entwicklung?
Ich gehe nicht davon aus, dass mir Entwicklungen gefallen müssen. Ich nehme sie zur Kenntnis und finde sie interessant. Im Prinzip gefällt mir, wenn sich etwas bewegt, wenn es überhaupt Entwicklungen gibt. Jede Wandlung ist auch ein Lebenszeichen. Das Gegenteil wäre ein Disneyland-Städtchen, das immer gleich bleibt, ein Ort, wo sich nichts verändert.

Das klingt jetzt etwas resigniert. Sie sind doch ein politischer Mensch, Sie haben sich immer auch geäussert und gekämpft, wenn Ihnen etwas nicht gepasst hat.
Ich bin durchaus der Meinung, man solle mitgestalten, wo man kann. Aber ob einem etwas persönlich gefällt oder nicht, kommt erst an zweiter Stelle. Wenn ich heute aus dem Fenster schaue, sehe ich zwei Hochhäuser, schauen Sie, dort hinter der Birke, wo sich die Finken tummeln, die auf der Durchreise sind. Ich mag diesen Ausblick, obwohl ich mitverfolgt habe, wie der Neubau des Neumarkts mir den Horizont weggenommen hat.

Sie bezeichnen die beiden Hochhäuser in Ihren Texten auch als Wahrzeichen.
Ja. Ich weiss, dass ich damit leben muss.

Sie haben mal gesagt, Ihr Traumort sähe folgendermassen aus: hinter Ihnen die Berge, vor Ihnen das Meer – und der Bahnhof Oerlikon. Der Bahnhof ist Ihnen wichtig.
Sehr wichtig. Der Bahnhof ist die Verbindung zur Welt.

Man muss irgendwo zuhause sein, aber auch gehen können?
Man muss gehen können, ja. Ich kenne beide Stimmungen. Wenn ich zu oft weg bin, will ich hier sein und umgekehrt. Noch zur Passivität: Auf die Entwicklung der Stadt habe ich zwar kaum einen Einfluss, es gab aber eine Ausnahme: das alte Verwaltungsgebäude der ABB, dieser riesige Backsteinbau, hätte im Rahmen der Erweiterung des Bahnhofs abgerissen werden sollen. Dann gab es einen Protest, den ich mitgetragen habe. Wir forderten, man solle das Gebäude als Zeugnis aus der Industrialisierung erhalten. Ich habe die Petition unterschrieben, ohne die geringste Hoffnung. Normalerweise bringt so was ja nichts. Zu unserem Erstaunen haben die Eigentümer dann aber tatsächlich eingelenkt – und das Gebäude verschoben. Die grösste Gebäudeverschiebung, die es in der Schweiz je gab, das war spektakulär, mit hydraulischen Pressen, das Gebäude hat sich millimeterweise bewegt, man musste einen Punkt im Hintergrund fixieren, um es mit blossem Auge wahrzunehmen. Die Bilder kamen im japanischen und im chinesischen Fernsehen. Das war auch Standortwerbung (lacht).

Das wäre Stoff für eine Ihrer Geschichten.
Kennen Sie den Siemens-Turm in Rottweil? Ein tolles Stück Architektur, gebaut, um Aufzüge zu testen. Das ist zwar ein Funktionsbau, aber ein unglaublicher Blickfang. Rottweil ist genau eine dieser alten Städte, die sehr auf ihre Erhaltung achten. Der Turm hatte viele Gegner, die gesagt haben, er passe nicht ins Stadtbild, und plötzlich ist er eine Attraktion. Aber vergessen wir die Natur nicht. Ich finde, Schaffhausen hat als Lebensraum eine sehr schöne Mischung: Das Museum zu Allerheiligen, den Rheinfall, das Stadttheater, funktionierende Buchhandlungen, die Kammgarn, das Casino, ich kam mal zum Spielen nach Schaffhausen.

Haben Sie eine Glücksspielader?
Ich gamble manchmal gern ein wenig.

Wir haben über Veränderung gesprochen. Gibt es einen Trick, wie man Veränderungen, hinnehmen kann, die sich sowieso nicht verhindern lassen?
Das braucht Anpassungsfähigkeit. In dem Moment, wo man sich jeden Tag darüber ärgert, was man sieht …

… verbittert man irgendwann.
Ja. Und man nimmt sich selbst Energie weg, lässt sie irgendwohin fliessen, wo sie sinnlos ist.

Ist es eine Methode, genau hinzuschauen, damit man etwas nicht pauschal schlecht finden muss?
(lacht) Ich bin immer fürs genau Hinschauen, fürs Wahrnehmen überhaupt! Das ist für mich das Schöne am Gehen als Fortbewegung. Ich habe ja ein Buch gemacht mit 52 Wanderungen, wovon übrigens auch eine nach Schaffhausen führt. Da gehe ich am Schluss eines der ältesten Bücher überhaupt anschauen, das Buch Nummer 1 in der Bibliothek Schaffhausen, «Vita Columbae». Darauf hat mich ein Mann in der Trinity College Library in Dublin aufmerksam gemacht. Das Buch ist auf sehr rätselhaften Wegen nach Schaffhausen gekommen Aber zurück zum Gehen: Ich habe auch Kompass-Spaziergänge gemacht, bin aus dem Haus und dann möglichst direkt in eine bestimmte Himmelsrichtung gegangen. Das Konzept beruht auf der Überzeugung, dass man auf jedem Spaziergang etwas Spannendes sieht. Dass alles sehenswert ist.

… aber nie bitter.

Was entdecken Sie heute noch, nach 40 Jahren, wenn Sie aus Ihrem Haus gehen?
Jetzt ist da gerade ein seltsamer Neubau, den ich nicht verstehe, nur ein wenig die Gubelhangstrasse runter. Der hintere Teil ist schon ewig eine Bauruine, vorne aber wird bereits geworben mit «Wohnen und Arbeiten in Oerlikon».

Will man damit Auswärtige anlocken?
Was das Arbeiten betrifft, weiss ich nicht, ob man noch Auswärtige anlocken kann. Zürich hat viel zu viel Büroraum, wir haben einen Überschuss. Es würde reichen, um sieben Asylbewerberzentren aufzubauen.

Wir haben eine Flüchtlingskrise, wir haben Überalterung, wir machen Standortmarketing. Könnten sich die Probleme gegenseitig lösen?
(überlegt lang) Die meisten Menschen, die sich mit der Gestaltung der urbanen Welt auseinandersetzen, machen sich Gedanken über die Durchmischung. Sie plädieren für möglichst durchmischte Siedlungen. Insofern ist Oerlikon ein Ort, wo mir von Anfang an wohl war.

Hat sich das Gesicht des Quartiers mit der Flüchtlingskrise verändert?
Der Anteil der exotischen Bevölkerung, die man an der Hautfarbe oder an der Kleidung erkennt, nimmt schon zu.

Was bedeutet das?
Das bedeutet sehr viel. Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir ein Weltdorf sind, ein Ort, wo die ganze Welt hinkommt. Es ist nicht mehr so, dass wir Europäer überall hingehen und uns umschauen können, und die Menschen in den armen Fischerdörfern bleiben ihr Leben lang, wo sie sind. Plötzlich stehen diese Menschen hier und sagen: Bei uns geht es nicht mehr, können wir bei euch weitermachen?

Das Gegenteil von Standortmarketing.
Ja, die Leute kommen von selber. Aber es kommen nicht unbedingt die, die viele Steuern zahlen, und die, die man gerade braucht.

Haben Sie einen Tipp für die Politik?
Bildung fördern! Integration fördern! Die, die da sind, müssen wir möglichst schnell hereinnehmen in unsere Strukturen, ihnen eine Bildung anbieten. Kürzlich habe ich eine alte Bekannte getroffen, die Tochter einer Freundin. Sie hat erzählt, nächstes Jahr habe sie als Lehrerin zum ersten Mal eine Klasse mit keinem einzigen Schweizer Kind. Sie wird kein einziges Kind haben, das «Es Buurebüebli mani nid» singen kann. Und sie freut sich total über die Aufgabe. Das ist toll!

Wenn wir diese Herausforderung meistern, sind Imagekampagnen vielleicht irgendwann tatsächlich obsolet.
Vielleicht. Die Flüchtlingsströme gehen jedenfalls nicht zurück, die Welt ist in einem derartigen Ungleichgewicht, was Wohlstand und Armut betrifft. Da kommen wir nicht einfach wieder raus. Und auch hier: Die Frage, ob einem das gefällt, spielt keine Rolle. Es geht darum, wie man damit umgeht.

Es macht es wohl einfacher, wenn man so fröhlich ist wie Sie.
Ich bin nicht nur fröhlich.

Aber grundsätzlich wirken Sie lebensfroh, auch noch mit 75 Jahren.
Ja, ich freue mich am Leben, ich freue mich über alle Lebenszeichen. Nur schon über die paar Finken, die rasch da waren, um zu schauen, ob sie an unserer Birke etwas picken können. Die sind ja auch Migranten.

Aber sie gehen wieder.
Ja, sie gehen weiter. Ich freue mich am Leben und an jedem Tag, an dem ich noch hier bin. Ohne diese Freude würde keine Energie übrig bleiben, mich damit zu beschäftigen, was das Leben bedroht. Einer der schönsten Sätze, die ich kenne, stammt von Martin Luther: Wenn ich wüsste, dass die Welt morgen untergeht, würde ich heute noch ein Bäumlein pflanzen.

Franz Hohler spaziert am Freitag, 14. Dezember, um 20.30 Uhr in der Kammgarn durch sein Lebenswerk.