Der Wahnsinn der kleinen Dinge

4. Dezember 2018, Leutert Nora
Der Protagonist von Linders Roman möchte ein Held werden. Wie sein Vorfahre, der Schlächter von Marignano (und vielleicht auch wie Tell).
Der Protagonist von Linders Roman möchte ein Held werden. Wie sein Vorfahre, der Schlächter von Marignano (und vielleicht auch wie Tell).

Der Autor Lukas Linder ist ein Meister des skurrilen Humors. Wieso er in der Küche schreibt – und wie er sich selbst (und andere) sonst noch reinlegt.

Was muss man über Lukas Linder wissen?

«Ja, also, ich war Jugendmeister im Voltigieren», sagt Linder beiläufig. Man schaut ihn an, überlegt mit zusammengekniffenen Augen, was nochmals Voltigieren ist.

Linder indessen sitzt hinter seinem Cappuccino, lächelt aufmerksam und zeigt immer wieder diese zurückhaltende Selbstironie. Wenn er spricht, tut er das schnell und leise, nie setzt er sich in Szene. Dabei hätte er Grund genug.

Noch bevor man drauf kommt, was Voltigieren ist (es ist ein akrobatischer Pferdesport), wird einem klar, dass das natürlich ein Witz war. Lukas Linder kann nicht voltigieren.

Linder kam 1984 auf die Welt und ist in Uhwiesen aufgewachsen. Nach der Kanti zog er zum Germanistik- und Philosophie-Studium nach Basel. Heute pendelt er zwischen Basel und der polnischen Stadt Lodz, wo seine Frau an der Uni Theaterwissenschaften doziert.

Was man über Lukas Linder wissen muss, ausser, dass er nicht voltigieren kann, ist, dass er über 15 Theaterstücke geschrieben hat (unnötige Zusatzinfo: sein allererstes hiess «Mama, wir sinken»). Theaterstücke, die vom Feuilleton gelobt und in den letzten Jahren mit bedeutenden Preisen ausgezeichnet wurden, zum Beispiel mit dem Kleist-Förderpreis oder dem Publikumspreis des Heidelberger Stückemarkts.

Und dann muss man über Lukas Linder noch wissen, dass er gerade seinen ersten Roman geschrieben hat. Dies ist besonders wissenswert, denn der Roman ist gut. Und sehr, sehr witzig.

Im Zentrum von «Der Letzte meiner Art» steht Alfred von Ärmel, jüngster Spross eines alteingesessenen, über die Generationen physiognomisch und charakterlich verkommenen Berner Adelsgeschlechts. Auch wenn Alfred der missratene der beiden Söhne ist, gedenkt er, die von Ärmels zu neuem Ruhm zu führen und als Held in die Ahnentafel einzugehen. Wie sein Vorbild, der Schlächter von Marignano.

Nun, wie packt man so etwas an? Alfred bestreitet einen traurigen Auftritt als singender Drache in der Schulaufführung «Tom und die freundlichen Monster vom Zuckerland». Er avanciert kurzzeitig zum kettenrauchenden Pizza-König, dessen einziges Kapital eine Tiefkühltruhe voll Calimari ist. Und er macht Errungenschaften in der Liebe, die hauptsächlich in Unmengen blasser Bratwürste mit Kartoffelstock bestehen, die seine Tanzpartnerin Ruth für ihn zubereitet.

Wer denkt sich sowas aus?

 

Lukas Linder, wie kommt man auf so skurrile Ideen?
Es sind haltlose Figuren, da ergeben sich diese Einfälle von selber. Meine Frau sagt, wenn sie im Wohnzimmer sitze, höre sie mich manchmal in der Küche laut lachen, so auf selbstgefällige Weise.

Sie schreiben in der Küche?
Das ist der beste Ort zum Schreiben. Man kann gleichzeitig kochen und sich sagen, dass man eigentlich gar nicht schreibt. Dann ist der Druck weniger gross. Es kann einen hemmen, wenn man im Arbeitszimmer umzingelt ist von Büchern, von grossen Vorbildern.

Eine Selbstüberlistungsstrategie. Haben Sie auch irgendwelche merkwürdigen Rituale beim Schreiben?
Möglichst nicht. Die Tendenz, neurotisch zu sein beim Schreiben, ist eh schon gross genug. Wenn man dann immer noch die gleichen Socken tragen muss oder so – mich würde das wahnsinnig machen. Früher habe ich Musik gehört beim Schreiben, eine Zeitlang immer das gleiche Lied in Endlosschlaufe. Das war nicht gut.

Was machen Sie zum Ausgleich?
Spazieren, schwimmen, Leute treffen. Ich muss immer wieder Distanz zu meiner Arbeit gewinnen. Es gibt auch Autoren, die sich phasenweise völlig zurückziehen, aber ich brauche dazwischen immer wieder Gespräche. Schreiben ist eh narzisstisch, und in völliger Einsamkeit noch mehr.

Sind Sie jemand, der im Café schreibt?
Habe ich auch schon probiert. Aber da ist man so ausgestellt, dass ich das Gefühl habe, ich spiele den Schriftsteller nur: die Rolle des Autors, der in der Bar sitzt und schreibt. Das funktioniert irgendwie nicht, die Sätze werden künstlich.

Dafür beobachten Sie im Café, wie jetzt hier, bestimmt wiederum selbst die andern.
Menschen machen schon merkwürdige Dinge, das wird einem bewusst, je länger man sie beobachtet. Aber es macht die Leute auch schön, wenn sie Eigenheiten zeigen, sie werden gleich greifbarer. Sowohl in echt als auch im Roman.

Ihre Figuren sind alle sehr eigen. Welche Rolle spielt eigentlich der Umstand, dass das ein Adelsgeschlecht aus Bern ist?
Das ist ein Trick. Damit das Geschehen nicht zu nahe an mir dran ist. Ich wollte nicht über mich und mein Umfeld schreiben. Würde es in Basel oder in Schaffhausen spielen, hätte ich gleich zu viele Bilder im Kopf. So kann ich auf Distanz gehen, freier erfinden.

Mit Ausnahme der Gotthardexkursion, auf die Alfred von Ärmel mit seiner Schulklasse muss, da ging jeder Kantischüler in Schaffhausen durch.
Ja, die Gotthardexkursion.

Viel Schaffhauserisches, oder eher Schweizerisches, wollten Sie sonst nicht einbauen, ausser Bratwurst und Kartoffelstock?
Vielleicht, dass der Vater von Ärmel ein Wimpelfabrikant ist. Das Kleinteilige, der Diminuitiv, das ist etwas Schweizerisches. Der Wahnsinn, der in den kleinen Dingen liegt. Man regt sich ja in der Schweiz sehr schnell über Kleinigkeiten auf, ist sich an unnötigen Luxus gewöhnt. Meine Frau sagt deshalb immer, ich sei spiessig. Ist vielleicht auch so.

Was haben Sie aus Schaffhausen mitgenommen für Ihre Arbeit?
Die Erlebnisse der Kantizeit. Und die journalistische Arbeitserfahrung, die ich in den Jahren bei den «Schaffhauser Nachrichten» gesammelt habe, hat mir auch viel für meine Schreibentwicklung gebracht. Und dann waren da noch die ersten Theaterbesuche im Schaffhauser Stadttheater.

Ah, klar, das Stadttheater.
Da habe ich mir als Kind schon gesagt: Ja, ich werde Theaterautor!

Echt?
Nein.

 

Die Berufung, die Bestimmung, das ist bei Lukas Linder immer Koketterie, Selbstironie. So ist auch «Der Letzte meiner Art» schliesslich ein Anti-Entwicklungsroman, wie Linder sagt.

Und was steht bei Lukas Linder selbst in naher Zukunft an? Er würde sich gerne weiter der Prosa widmen, meint er, möchte mehr Zeit in Polen verbringen, um frei schreiben zu können. Er und seine Frau suchen zurzeit eine grössere Wohnung in Lodz. Schliesslich müssen Lukas Linders Bücher Platz finden, und zwar möglichst nicht in der Küche.