«Steht dazu, dass ihr links seid!»

16. November 2018, Rusch Marlon
«Und dann muss ich auch noch dem Klischee gerecht werden, dass ich ein wildes Leben führe.» Fotos: Peter Pfister
«Und dann muss ich auch noch dem Klischee gerecht werden, dass ich ein wildes Leben führe.» Fotos: Peter Pfister

Der Journalist Daniel Ryser hat ein Buch über Roger Köppel geschrieben. Nun wird er als Steigbügelhalter
der SVP verschrien. Doch Ryser teilt auch aus. Etwa gegen Journalisten ohne Haltung.

 

Montagmorgen. Pünktlich um 10 Uhr steht Daniel Ryser vor dem «Fat Tony» in der Langstras­se in Zürich, 100 Meter von seinem Büro bei der «Republik» entfernt, wo er für gutes Geld gute Reportagen schreibt. Kürzlich hat ihn das Medien-Start-up von der «WOZ» abgeworben. Daneben schreibt Ryser grössere Geschichten. 2016 wurde er für sein Porträt von Qaasim Illi vom Islamischen Zentralrat zum Journalisten des Jahres gewählt. Sein neustes Buch «In Badehosen nach Stalingrad» über Roger Köppel ist eines der kontroversesten und umstrittensten Schweizer Bücher des Jahres. Doch Ryser sieht gerade eher aus wie drei Tage Regenwetter – und spricht auch so.

Daniel Ryser, du hast gerade nicht wirklich Lust, über Roger Köppel zu reden, oder?
Nein, es ist nur mein Leben, das gerade im Chaos versinkt. Aber das hat nichts mit Roger Köppel zu tun.

Dann machen wir dieses Interview?
Klar.

Ryser bestellt Cappuccino, der Blick ist immer in Bewegung, streift sein Gegenüber nur flüchtig. Doch der Geist ist fokussiert. Das Interview will er nicht gegenlesen.

Kürzlich hast du in einem Interview gesagt, der Journalist Hunter S. Thompson habe dir gezeigt, dass auch ein völliger Freak Bücher schreiben kann, die einen professionellen Anspruch haben. Bist du dieser Freak?
Man muss Menschen, die einen inspirieren, nicht eins zu eins übernehmen. Ich würde nicht unbedingt sagen, dass ich ein Freak bin. Obwohl es in dieser Journalistenwelt manchmal nicht viel braucht, um einer zu sein.

Wo gehörst du hin?
Ich bin schon mega fest Journalist. Ich würde sicher auch gut zur «schaffhauser az» passen. Also, no offence (lächelt). Aber es gibt viele journalistische Produkte, in denen ich mich überhaupt nicht sehe.

Mich beschleicht das Gefühl, du spielst damit, dass du in dieser Journalistenwelt nicht so richtig dazu­gehörst, man dich – gerade mit deinem Buch über Roger Köppel – aber doch nicht ignorieren kann.
Ich glaube nicht, dass ich damit spiele. Mein Anspruch war immer ein rein journalistischer. Ich wollte eine Geschichte über Roger Köppel schreiben, weil er im Herbst 2015 in den Nationalrat gewählt wurde. Das hat sich dann um ein Jahr verzögert, weil es in Paris diese An­schläge gab und ich die Qaasim-Illi-­Geschichte vorziehen wollte. Dann kam noch diese grosse Kokain-Geschichte für die «WOZ» hinzu. Das war lebenstechnisch eher suboptimal.

Inwiefern?
Man arbeitet dann einfach dauernd. Solche Geschichten laufen ja immer neben meinem herkömmlichen Journalisten-Job. Und dann muss ich ja auch noch dem Klischee gerecht werden, dass ich ein wildes Leben führe. Ich muss also manchmal auch noch besoffen in einer Bar gesehen werden.

Dabei trinkst du ja gar nicht mehr viel Alkohol.
Lange habe ich gar keinen mehr getrunken. Das ist auch ein Preis meines Lebens. Ich bin ein grosser Anhänger des Rauschs, aber wenn man die ganze Zeit mit dem Kopf arbeitet, muss man einen klaren Kopf haben, kann sich keinen Absturz erlauben. Das hinterlässt jedes Mal ein Loch.

Wieso eigentlich dieses Buch über Roger Köppel? Gab es eine These?
Ich habe damals fürs «Tagi-Magi» geschrieben; das war noch, bevor Köppel gewählt wurde. Wir haben bezweifelt, dass er genug wichtig ist, um so eine gros­se Geschichte über ihn zu machen. Als er dann mit dem besten Resultat aller National­räte gewählt wurde, kam die Frage: Wie kam das? Einerseits auf einer biografisch-
persönlichen, andererseits auf einer strukturellen Ebene. Wie wurde er zu dem, der er ist? Und wer hat ihn gemacht?

Also Leitfragen, keine These.
Wenn man eine These hat bei einer Person wie Roger Köppel, die dermassen umstritten ist und auch noch aus einem anderen politischen Lager kommt, kann man nur verlieren. Dann bestätigt man einfach die These, dass er ein Böser ist, und niemanden interessiert es. Susan Boos von der «WOZ» hat mir damals ein Buch geschenkt von einer norwegischen Journalistin über Anders Breivik. Ein biografischer Zugang. Ich habe das Buch gelesen und gedacht: wow!

Wieso?
Zwischendurch denkt man immer wieder: so eine arme Sau.

Du hast in einem Gespräch über Köppel gesagt, wenn man einem Menschen näherkommt, wird er ent­dämonisiert.
Genau. In gewissen Rezensionen meines Buches steht, die Hauptfrage, wer Köppel ist, sei nicht beantwortet. Dem würde ich entschieden widersprechen. Das Buch zeigt auf, dass vieles eben sehr vielschichtig ist und es letztlich nicht mehr darum geht, wer Köppel diese drei Millionen Franken gegeben hat, um 2006 die «Weltwoche» zu kaufen. Sondern darum, dass Tito Tettamanti seine Motive offenlegt.

Es gibt im Buch eine Szene, wo dich der 87-jährige Milliardär und Financier Tito Tettamanti von seinem Chauffeur in der schwarzen Limousine abholen lässt und dir in seiner Tessiner Villa sein Weltbild erklärt. Und erzählt, wie er Köppel instrumentalisiert hat.
Ich habe gehört, dass Köppel diese Stelle im Buch nicht cool findet. Tettamanti stellt eine klare Hierarchie her. Er sagt: Wir haben Köppel die Zeitung geschenkt, aber er hat sie sich auch verdient. Tettamanti sagt offen: Wir haben einen gebraucht, dem es egal ist, wenn er den Karren an die Wand fährt. Nur so kann man Opposition machen. Und das war nur mit Roger Köppel möglich.

Tettamanti stellt Köppel als Günstling dar.
Ja. Das ist die entscheidende Stelle im Buch.

Wieso?
Es wird klar, dass es nie einen grossen Masterplan gab. Es war sowohl biografisch als auch strukturell eine Aneinander­reihung von Zufällen, Möglichkeiten und Unzulänglichkeiten, die dazu führten, dass Köppel so gross geworden ist. Das ist eine spannende Lehre aus der Recherche. Wir haben bei der «WOZ» vielleicht ein wenig zu stark auf Blocher fokussiert, auf den Masterplan. Da muss man aufpassen. Ich glaube, diese grosse Verschwörung gibt es einfach nicht. Das ist keine unwichtige Erkenntnis in Zeiten wie unseren.

Also ist auch die Frage, wer Köppel genau ist, am Ende gar nicht so relevant.
Das würde ich eben auch sagen. Das ist eine Nebenfrage, wenn man sieht, wie er gemacht wurde, wie sehr mächtige Leute diesen Köppel für ihre Zwecke benutzt haben. Da gibt es Biografisches, das hineinspielt, das ihn prädestiniert hat, diese Figur zu sein. Dass er ein sehr extremer Mensch ist, der bereit ist, persönlich einen riesigen Preis zu bezahlen für seinen Aufstieg.

Tettamanti hat völlig offen mit dir geredet. Und nicht nur er. Du hast mit 120 Menschen gesprochen, die dir bereitwillig Auskunft gegeben haben über Köppel. Viele waren rechte, alte, mächtige Männer. Wieso haben sie das getan?
Ich weiss nicht, was für Logiken dahinterstecken. Die Parallele ist vielleicht, dass die Leute gewusst haben, wer ich bin. Sie fanden: Der Typ ist falsch gewickelt, aber er arbeitet gut. Und es war auch der richtige Zeitpunkt. Köppel wurde sehr mächtig, viele bekamen das Gefühl, sie müssten jetzt mal über ihn reden. Aber nicht nur Köppel war an einem entscheidenden Punkt seiner Karriere. Ich glaube, einige wollten sich auch ein Denkmal setzen.

Warst du einfach zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort?
Ich glaube schon.

Wohl auch mit der Publikation. Du sagst, das Buch sei jetzt gerade noch möglich – bald sei Köppel über dem Zenit.
Als ich anfing, dachte ich: Wird dieser Köppel am Ende noch Bundesrat? Dann hat er im Nationalrat nicht reüssiert, die «NZZ am Sonntag» hat ihn als König der Abwesenden bezeichnet. Seine «Weltwoche» verliert, meiner Einschätzung nach, an Strahlkraft; wenn man die Auflage anschaut, die Gerichtsprozesse. Redaktoren wenden sich ab. Redaktoren, die noch
dort sind, sagen, man glaube der «Weltwoche» nicht mehr. In der SVP selber ist es schwierig, Menschen zu finden, die begeistert sind von Köppel. Er hat Neider. Er wird nie Bundesrat werden. Und in dem Moment, wo all das zusammenkommt, marschiert er in Chemnitz mit Neonazis und schreibt sie anschliessend weg. Er ballert wild ins AfD-Universum hinaus. Irgendwann haben ihm nur noch deutsche Rechtsextreme in den sozialen Medien applaudiert. Da bekam ich das Gefühl, dass es zu Ende geht.

Und Christoph Blocher hat sich gegen Köppel und für seine leibliche Tochter entschieden.
Das spielt natürlich mit hinein. Das sind alles sehr deutliche Signale. Blocher hat Köppel mir gegenüber als Chaoten bezeichnet. In meiner Welt ist «Chaot» ein Kompliment, aber nicht in Christoph Blochers Welt. Ein Chaot mag ein guter Journalist sein, aber sicher nicht ein Magistrat, ein SVP-Präsident oder ein Bundesrat.

Dennoch kam von links die Kritik, mit diesem Buch hättest du dich zum Steigbügelhalter von Roger Köppel gemacht, ihn wieder ins Rampenlicht gehoben. Die Linken sagen auch, du verharmlost Gewalt, wenn du über die Hooligan-Szene schreibst. Du scheinst sie anzuziehen, diese Kritik, gerade auch von links.
Offenbar provoziert man ultimativ, wenn man sich nicht mit einem automatischen Reflex von gewissen Dingen distanziert. Von Sprayereien zum Beispiel. Wenn man nicht von oben herab berichtet. Es gibt bei Subkulturen viele Aspekte, von denen ich mich einfach nicht distanzieren will. Ich habe eine persönliche Affinität zu gewissen Szenen, habe eine Haltung und will mir die auch nicht nehmen lassen. Der Vorwurf der Gewaltverherrlichung kommt schnell, wenn man versucht, selbst hinzuschauen, was passiert, und nicht einfach Klischees folgt. Das kannst du auch auf Köppel übersetzen.

Was du machst, ist nicht nur Journalismus, sondern auch Aktivismus. Eine Art Sensibilisierung für andere Lebensformen.
Das hast du jetzt schön gesagt, danke. Das würde ich so unterschreiben.

Müssten Journalisten mehr von sich selbst in ihre Arbeit fliessen lassen?
Man müsste sich entfernen von diesen automatisierten, bürgerlichen Journalismus-Codes, dieser ständigen automatischen Distanzierung. Steht zu eurer Geschichte! Und hört auf, euch zu verkleiden, wenn ihr eine Karriere anfängt. Das gilt nicht nur für den Journalismus. Steht dazu, dass ihr links sei. Dass ihr aus einer Subkultur kommt. Den bürgerlichen Mainstream – es gibt keinen linken Mainstream, sondern einen bürgerlichen – den sollte man durchbrechen.

Deine Arbeitgeber, die «WOZ», die «Republik», denen geht es heute vergleichsweise gut. Sie gewinnen Leser. Warum?
In diesen Projekten bekommt man zu spüren, dass das Geld, das reinkommt, in den Journalismus gesteckt wird. Das ist sicher motivierend. Journalistisch gesehen ist es befreiend, nicht einen ständigen Pro- und Contra-Journalismus machen zu müssen. Dieser Forumszeitungswahnsinn ist ein Horror. Am Ende ist es die komplette Langweiligkeit. Ich will doch Zeugs lesen, das chlöpft. Nichts, das alles zu Tode differenziert.

Gibt es Aufklärung ohne Differenzierung?
Gibt es Aufklärung, die nicht radikal ist? Ist Differenzierung Aufklärung? Zu-Tode-Differenzierung ist eher Verblödung. Jeder kann noch ein wenig denken, was er will. Aufklärung braucht eine klare Abgrenzung. Ein Bekenntnis zu einer Sache. Welche Journalisten bewundere ich denn? Figuren, die eine klare Haltung haben. Figuren, mit denen ich gern saufen gehe, von denen ich etwas lernen kann. Figuren, bei denen intellektuell die Funken sprühen. Stattdessen werden Journalisten zu Verwaltern, die einem nichts mehr zu sagen haben. Insofern überrascht es mich nicht, dass Produkte mit einer etwas klareren Haltung reüssieren.

Da würde die «Weltwoche» aber auch dazugehören.
Dort haben wir das andere Extrem. Ein SVP-Nationalrat, der eine aggressive Kampagne fährt und dem zum Teil alle journalistischen Sicherungen durchbrennen, der dann verurteilt wird – das funktioniert auch nicht. Wenn die bei der «Weltwoche» so weitermachen, wenn die nicht zu Sinnen kommen und sich nicht entscheiden zwischen Journalismus und Politik, dann werden sie ein gröberes Problem bekommen. Köppel ist grösser als die Zeitung. Das hält das Ganze am Leben, macht es aber gleichzeitig auch kaputt.

Am Freitag, 16. November, um 20 Uhr liest
Daniel Ryser im TapTab aus seinem Buch «In Badehosen nach Stalingrad».