Saufen

3. November 2018, Brühlmann Kevin
Fesche Buam.

Mitten in Schweizer Provinzstädte haben sich die Oktoberfeste schon hineingefressen, bis in den Kulturteil renommierter Lokalzeitungen. Warum nur?

Saufen! Saufen! Saufen!, schreit jemand von irgendwoher, und du weisst, scheis­se, du musst saufen, und du säufst, und bald dreht sich alles, die Tische sind plötzlich so hoch und die Bänke so klein, jemand bringt Jägermeister, du musst weitersaufen, saufen, saufen, weil irgend­jemand eine gute Idee gehabt hat, saufen nämlich.

Alles dreht sich, der Raum, die Decke, der Boden; die Bänke rücken immer näher zusammen, die Leute bekommen verzerrte Gesichter, und du schaffst es ins Freie, irgendwie, gehen wie ein Vogelstrauss.

Du legst dich hinter den erstbesten Busch, röchelst wie ein Köter, sagst, nie wieder saufen, schwörst bei deinem schmerzenden Magen.
Der Schwur wirkt heilend, irgendwie, so gehst du zurück, zwängst dich durch die engen Bänke, findest eine labbrige, herrenlose Brezel, kaust, und dann schreit wieder jemand: Saufen! Saufen! Saufen!

Und du weisst, sacre bleu, du musst saufen, weil jemand dieses Mal eine besonders gute Idee gehabt hat und dir Wodka-Shots aus kleinen Plastikbechern vorsetzt.

Du kapitulierst.

Dass es so mit dir enden würde an diesem Abend, das hättest du, ehrlich gesagt, durchaus erwarten können, als du kurz nach neun Uhr beim Oktoberfest aufgetaucht bist.

Aber ernst genommen hast du deine Vorahnung nicht, schliesslich ist die Feier zuletzt dazu da, gescheiter zu werden. Zuallerletzt.
Wozu ist das Oktoberfest überhaupt gut?, hast du dich gefragt und bist losgelaufen.

Du hast gesehen, wie andere gesehen haben, dass sich viel Geld machen lässt, wenn man Bier in eine Mass abfüllt, Brezel, Poulet und Würste organisiert, diese Brezn, Hendl und Würstl nennt; wenn du weiss-blau karierte Tücher aufhängst, Festbänke aufstellst, ein paar Kasperl auf die Bühne stellst, die Après-Ski-Schmankerln grölen, und du die Gäste bittest, teure Lederhosn und Dirndl zu kaufen.

Und du hast gesehen, wie sich dieses Oktoberfest-Geschwür, wo es früher vielleicht noch in einem zugigen Festzelt am Stadtrand geduldet war, nun mitten hinein in sämtliche Schweizer Kleinstädte gefressen hat.

Da bist du also ganz gesittet an einem Samstagabend um neun Uhr erschienen, natürlich nicht in Lederhosn, aber ein Hemderl war schon dabei, und hast auf dem Plakat gelesen: «Bock Wiesn» im «Flügelwest» der Kammgarn, mitten in Schaffhausen.

Du bezahlst 30 Franken, erhältst eine Mass Bier und eine mächtige Fleischplatte.

Das Oktoberfest ist schon ein paar Stunden im Gang, die Köpfe, die dir entgegenkommen, sind rot und fröhlich, das Licht strahlt eisblau von der Decke. Du erkennst, quasi Farbenlehre als Kernkompetenz, Blau und Rot gemischt ergibt ein sattes Violett.

Du triffst einen Freund. Schön, sagt er feierlich, lass uns einen saufen, du sagst, okay, und er holt dir für zwölf Franken eine Mass Bier, und du säufst einen.

Ia, ia, ia, ooooh!, schreien dir «Die Alpen­stürmer» von der Bühne entgegen, Jakob und Reini, zwei fesche Buam mit weichen Gesichtern und unverwüstlich guter Laune, wie sie nur im Freistaat Bayern lizenziert wird.

Ia, ia, ia, oooooh!, schreien Jakob und Reini erneut.

Vom Publikum schallt es zurück, lauter und falscher, «Die Alpenstürmer» schreien, Echo vom Publikum, und so weiter und so fort, während dir der Freund ein Fläschchen mit violettem Deckel bringt, Kleiner Feigling, Wodka mit Feigenaroma, hoher Zucker- und Alkoholgehalt, sechs Franken. Danke, sagst du, kippst das Fläschchen und verwünschst dich selbst.

Hey, sagt ein massiger Mann zu dir, hey, du bist doch auch in diesem Kaff auf dem Land aufgewachsen. Ja, sagst du, und ihr redet über den Winzeler, den alten Sauhund, und über die Sandra, die Junge vom Alten, und der massige Mann sagt, gell, der Dorflehrer Müller hat geheiratet, im Alter noch.

Du sagst, wirklich, das wusste ich nicht, und der massige Mann sagt, doch, dabei dachte ich immer, der Müller sei eine echte Schwuchtel, und du fragst zurück, wo ist das Problem?, da sagt der massige Mann, dass der Dorflehrer Müller heiratet, hätte ich von dieser Schwuchtel nicht gedacht.

Vor deinem Auge flimmert es.

Du siehst, wie sich die Fleischberge auf den Tischen türmen, Würstl, Hendl, Menschen in Lederhosn und Dirndl, wie sie tanzen und singen, ein paar eiern in einer Polonaise durch den Raum, du bist plötzlich mittendrin, violette Köpfe überall, und du hörst jemanden schreien: Saufen!

Du schreitest zur Bar, eine Mass gespritzter Weisswein für achtzehn oder doch lieber Bier für zwölf Stutz?

Du nimmst die Mass Bier, bist ja keine Schwuchtel wie der alte Müller, dann säufst du, und während du säufst, bringt dir jemand ein Fläschchen Jägermeister und schreit: Saufen!

Und du säufst.

Du erkennst, sacre bleu, das Lichterlöschen ist nicht mehr weit, alles wird eng, der Raum dreht, und du gehst nach draus­sen.

Legst dich hin, im Busch, Augen zu, röchelst, und dann zückst du dein Portemonnaie, deine Finger so filigran wie ein Känguru mit Boxhandschuhen, blickst in die Brieftasche, aber alles leer, nur noch ein paar Münzen da, und du röchelst weiter, röchelst und fragst dich, wie du das jemals als Kultur verkaufen kannst, und findest keine Antwort.

Und von irgendwoher schreit jemand: Saufen!

Und du kapitulierst.