Ein Problem namens Erdogan

30. Oktober 2018, Rusch Marlon
So soll die Moschee einst aussehen.
So soll die Moschee einst aussehen.

Der Türkisch-Islamische Verein braucht eine neue Moschee. Alles war aufgegleist – doch dann kam
Erdogan. Seit der Herrscher die Türkei umkrempelt, steht auch der Verein unter Verdacht. Das hat Folgen.

Das sieht alles sehr prunkvoll aus auf diesen Visualisierungen. Hohe Räume, Säulen, Ornamente. Alles funkelt und strahlt. 30 Meter lang, 16 Meter breit, 12 Meter hoch soll sie werden, die neue Moschee des Islamisch-Türkischen Vereins. Im Gebäude enthalten: verschiedene Gebets- und Aufenthaltsräume, ein Waschraum, eine Wohnung. Die Bilder lassen staunen – vor allem, wenn man weiss, wie es heute dort aussieht, am Schalterweg 10, dem Güterbahnhof entlang und noch ein gutes Stück weiter, Industriezone, Schaffhauser Peripherie.

Die heutige Moschee ist ein umfunktioniertes Wohnhaus, 1999 gekauft und seither rege genutzt. Sie hat schon bessere Tage gesehen. Und: Für ihren Hauptzweck, das Gebet, ist sie längst zu klein. Zum Freitagsgebet pferchen sich die Gläubigen zusammen, zu speziellen Anlässen müssen Gebetsteppiche draussen vor dem Haus ausgerollt werden.

An einem sonnigen Samstagnachmittag empfangen am Schalterweg Ibrahim Tas und Ekrem Besir vom Vorstand des Vereins und servieren Tee. Auf die Frage, wie es denn nun aussehe mit der neuen Moschee, fragt Ekrem Besir zurück: «Können wir zuerst zurückgehen?» Es ist weniger Frage als Ansage. Man merkt: Da hat sich etwas aufgestaut. Dann erzählt er seine Geschichte, die Geschichte einer vorbildhaften Integration.

Besir spricht von seinen vier Onkeln, die bei GF malocht und irgendwo in einer Baracke gebetet hätten. «Das hat damals niemanden interessiert. Geschweige denn gestört.» Er erzählt, wie er selbst mit seiner Frau und seinen drei Kindern zurück ging nach Istanbul und nach eineinhalb Jahren wieder die Koffer packte und nach Schaffhausen reiste, weil er sich eben doch hier zu Hause fühle.

Er erzählt von der Moschee, die sich bis 1992 in einem Haus in der Webergasse verbarg, ohne warmes Wasser für die rituelle Waschung. Wie der Verein 1999 für 375’000 Franken das Haus am Schalterweg kaufte, um endlich etwas Eigenes zu haben; abseits der Wohnzone, weil es in der Stadt immer wieder Reklamationen gegeben habe. Er erzählt, wie die 100 Leute, die anfangs hier beteten, Kinder bekamen und mit den Jahren auf 200 Familien anwuchsen.

«Direkter Draht nach Ankara»
«Heute», sagt Ekrem Besir, «heute schäme ich mich für die Moschee, wenn wir einen Tag der offenen Tür haben. Ich finde es nicht schön, mein Gebet in einem Zwischenlager zu verrichten. Der Imam lebt in einem schlecht isolierten Dachstock.»
Besir und Tas erzählen, dass sechs der neun Vorstandsmitglieder der Moschee Schweizer seien, dass der Verein seit elf Jahren beim interreligiösen Dialog mitmache, dass hier Muslime aus aller Herren Ländern beteten.

Doch warum erzählen sie das alles? Was hat sich hier in den letzten Monaten aufgestaut?

Als der Verein ernst macht mit den Plänen für eine neue Moschee und die Stadt die Baubewilligung erteilt, gerät er unter Beschuss. Im Mai 2018 titelte der Sonntagsblick: «Grünes Licht für Erdogan-Moschee». Die Hintermänner der türkischen Grossmoschee hätten einen «direkten Draht nach Ankara». Ständerat Thomas Minder sprach sich ebenso gegen den Neubau aus wie EDU-Kantonsrat Erwin Sutter. Letzterer unterschrieb, zusammen mit 11’000 vorwiegend Anonymen, eine dubiose Online-Petition gegen die «Grossmoschee».

Das Land überschrieben
Ihre Kritik: Zum einen gehört das Land am Schaffhauser Schalterweg, auf dem die Moschee steht und auch der Neubau geplant ist, der Türkisch-Islamischen Stiftung für die Schweiz (TISS) mit Sitz in Zürich. Die TISS ist ein Ableger von Diyanet, dem Ministerium für Religionsangelegenheiten in der Türkei. Diverse Experten und Medienberichte besagen, dass Erdogan über die TISS Spitzel in ihre rund 50 Schweizer Moscheen schleuse, Repression ausübe und ganz allgemein seinen Einfluss im Ausland stärke. Der Tenor ist klar: Diyanet will einen reak­tionären, rückwärts gerichteten Islam verbreiten. Der Journalist und Szenekenner Fabian Eberhard sagt, die TISS sei mittlerweile «komplett auf Linie». Die wenigen moderaten Kräfte innerhalb der Stiftung seien in der jüngeren Vergangenheit ausgetauscht worden.

Ekrem Besir erklärt, dass der Verein der TISS das Land 2010 nach der offiziellen Vereinsgründung überschrieben habe, damit klar sei, dass «die Grundwerte des Vereins erhalten bleiben». Die TISS habe für einen Standard gestanden, habe dafür gekämpft, Radikalisierung durch den Wahabismus oder den Salafismus abzuwenden, dem etwa al-Quaida nahesteht. «Sieh uns doch an», sagt Besir, «wir sind keine Bärtigen mit Schwertern!» In ihrer Moschee werde keine Politik gemacht, nicht einmal über Politik geredet.

Fabian Eberhard bestätigt, dass innerhalb des TISS mit Erdogans neuem Kurs weitreichende Veränderungen stattgefunden haben.
Diese Entwicklungen hat der Schaffhauser Verein unmöglich voraussehen können.

Den Imam ausgetauscht
Direkten Einfluss auf den Verein nimmt die Türkei über die Entsendung der Imame. Diese werden jeweils für eine gewisse Zeit kostenlos an Moscheen im Ausland geschickt.

Die Imame, so Fabian Eberhard, seien «Sprachrohre Erdogans». Sie würden definitiv Politik machen. Verschiedene Medien haben kürzlich berichtet, dass die Imame in der Schweiz zum Freitagsgebet jeweils alle dieselbe Predigt halten, welche in Ankara ausformuliert wurde.

Die Predigten finden auf Türkisch statt, viele der Imame sprechen schlecht Deutsch. Das gefällt auch dem Schaffhauser Verein nicht. «Wir verlangen vom Imam, dass er sich unseren Strukturen anpasst», sagt Ibrahim Tas. «Wenn es eine Initiative gäbe, Imame in der Schweiz auszubilden, würden wir diese unterstützen», sagen sie.

Einmal hätten sie einen Imam, der ihnen nicht gepasst habe, gegen einen anderen Imam einer Schweizer Moschee ausgetauscht, sagt Ekrem Besir. Das war offenbar möglich. Warum? Es habe zwischenmenschlich nicht gestimmt.

Immer wieder betonen Besir und Tas im Gespräch, dass ihre Moschee unpolitisch sei, dass aus der Türkei keinerlei Einfluss auf den Verein ausgeübt werde. Sie klingen glaubhaft. Immer wieder hat der Verein in den vergangenen Jahren bewiesen, dass es ihm ernst ist mit der Integration. Handkehrum machte die «az» im September 2016 publik, dass sich der damalige SP-Kantonsratskandidat Ibrahim Tas auf Facebook als Befürworter von Erdogans Politik äus­serte. Später hat er die Posts wieder gelöscht.

Die Banken blocken
Klar, es könne eine Gefahr ausgehen von Moscheen, sagen Besir und Tas. In Schaffhausen liege die Gefahr aber bei null Prozent. «Wenn eine Maschine mal einen Aussetzer hat, wirft man ja auch nicht alle Geräte aus der Firma», sagt Ekrem Besir, von Beruf Qualitätsingenieur. «Unter dem Vorwand Erdogan werden wir schikaniert.»

Nachdem die Baubewilligung für die neue Moschee im Sommer 2018 erteilt worden war, geschah nichts mehr. Bereits fünf Banken hätten ihr Kreditgesuch abgelehnt, sagen Tas und Besir. Ein Direktor habe ihnen gegenüber gesagt, er würde gern einen Kredit sprechen, er möchte sein Gesicht aber nicht am nächsten Tag in der Zeitung sehen.

Derzeit verfüge der Verein über 500’000 Franken, alles Spenden von Mitgliedern und über die Jahre Angespartes. Die Moschee kostet aber das Dreifache.

«Mit zwei Banken sind wir noch in Kontakt», sagt Tas. «Aber es gibt jetzt sowieso kein Zurück mehr. Wir bauen diese Moschee. Im Notfall eben ohne Banken.»