«Das ist mein Tourette-Syndrom»

4. Oktober 2018, Brühlmann Kevin
«Hey Wichsers»: Jack Stoiker hat sich vorgenommen, mehr zu fluchen.

Jack Stoiker versucht mit seiner Band «Knöppel», das Niveau möglichst tief zu halten. Subjektiv gesehen, ist er einfach ein alter Wichser mit vorpubertärem Humor. Objektiv betrachtet, ist Stoiker eine honorable Stütze unserer Gesellschaft und der beste Schweizer Rockmusiker aller Zeiten. Was sagt er selbst über sein Tourette-Syndrom?

 

Mit FC-St.-Gallen-Mütze und -Rucksack steht Jack Stoiker, Jahrgang 1973, am Fribourger Bahnhof. Der kleine, dünne Mann wohnt schon seit 25 Jahren hier, und doch gilt er als Ostschweizer Legende. Korrekt ausgesprochen klingt sein Name daher so: Schtoiko.

Ende der 90er-Jahre hatte Stoiker seine bislang einzige Platte veröffentlicht («Hällwach»). Dann verschwand der St. Galler «Bob Dylan für Arme», wie er sich selbst nannte, in der Versenkung. 15 Jahre später ist er plötzlich wieder da, und zwar mit der Band «Knöppel». Das neue Album «Hey Wichsers» gleicht einer Abrissbirne, die mit rüden Texten, knorzenden Reimen und groben Gitarrenriffs Freund und Feind in gepflegtem Dilettantismus aus dem Weg räumt.

Tagsüber hütet Daniel «Midi» Mittag, wie er eigentlich heisst, seine zwei Kinder und bügelt als Wirtschaftsinformatiker. Aber einmal im Monat verwandelt er sich in Jack Stoi­ker, und dann scheppert’s, und zwar so mächtig, wie das nur dank wenig Übung möglich ist.

Für so manchen ist Stoiker wohl zu viel; kein Wunder, dass ihn das hiesige Feuilleton meidet. So schreibt Stoiker eben seine eigenen Analysen: «Da ihn die hohe Intellektualität von Stoikers Musik zunehmend anpisste, rief er die Band ‹Knöppel› ins Leben: mehr Gewalt, mehr Sport und vor allem mehr Fluchwörter.»

 

az: Jack Stoiker, warum fluchst du so viel?
Jack Stoiker: International gesehen, wird ja derbst geflucht in der Musik, einfach auf Englisch. Motherfucker und so. Aber weil hier alle nur von Fernweh und Schokolade singen, wurde der Begriff nie importiert, was quasi eine Marktlücke ist, in die wir nun vorstossen. Dafür ist Wichser («Wixxor» ausgesprochen, d. Red.) das passende Wort. Und dann habe ich mir gesagt: Wenn schon, denn schon, wir machen gleich ein Konzeptalbum, mit dem Wort Wichser in jedem einzelnen Song. Damit haben wir einen Vorsprung auf alle anderen Mundart-Bands.

Sollte man überhaupt öfter fluchen?
Ja. Mir persönlich tut es ausserordentlich wohl. Rock’n’Roll war immer auch ein Mittel, Dampf abzulassen. Andererseits: Ich weiss gar nicht, ob ich das «Knöppel»-Zeug auch hören würde, wenn es nicht von mir wäre. Meine Stoiker-Platte «Hällwach» habe ich mir nie angehört.

Warum nicht? Zu pubertär?
Ja, wahrscheinlich (lacht). Auch die «Knöppel»-Songs habe ich nur gehört, um bei Spotify über 1’000 Wiedergaben zu erreichen, so als Selbsthilfe.

Dein Album heisst «Hey Wichser» …
… Wichsers!

Verzeihung! Weshalb dieser falsche Plural?
Ein ehemaliger WG-Mitbewohner des Bassisten Marc hat mal «Hey Wichsers» zur Begrüssung gesagt. So versuchte er Ostschweizer Coolness, obwohl er schon jenseits der 30 war. Also zu alt, um überhaupt noch cool sein zu können. Dasselbe Konzept steckt auch hinter dem Album. In Würde altern ist nicht.

 

«Eigentlich ist Wichser ja ein Ausdruck
von Ostschweizer Freundlichkeit.»

 

Wem ist das Album gewidmet?
Eigentlich ist Wichser ja ein Ausdruck von Ostschweizer Freundlichkeit. Indem ich dir eine reinhaue und dich Wichser nenne, zolle ich dir Respekt. Die andere Dimension ist dieses Corporate-Business-Life, das ich führe und das ganz nett ist. Aber ernst nehmen kannst du das natürlich nicht. Daraus sind einige Bürospiesser-Punkrock-Songs entstanden wie «Scheff» oder «Ziel vor Auge».

Du machst dich über alles Mögliche lustig: über Prolos, Chefs, Fussballfans, Markenfuzzis, schlecht gelaunte Leute. Gilt das schon als Satire?
Nein, auch nicht als Funpunk. Rock’n’Roll ist eh nie ernst, sonst hast du ihn nicht verstanden. Es ist eine Möglichkeit, tüchtig auf den Putz zu hauen. Knöppel ist wie Jack Stoiker mit Strom. Aber mit weniger Sex, dafür mit mehr Gewalt. Und weniger pubertär, dafür umso vorpubertärer.

 

Di allermeischte Lüüt uf dem Planet sind eifach blöd, wönd numä ihren Friede, alles andere interessiert sie nöd / Küssli linggs, Küssli rechts, i krieg es Ekzem / Alls isch e Problem, ihr Wichser, alls isch e Problem / D Banker und d Politiker mached ein uf ernschthaft, aber i trau sowieso keim, wo i Züri oder Bern schafft / Am Schtürrad vom Mercedes sabberets vor dir, und mir langed mini IV grad emol knapp fürs Bier / Em Grosmami sin Kafi isch volle Koffein, i de Thonfischdose hets in Würklechkeit Delfin / Alls isch e Problem, ihr Wichser!

– «Knöppel»: «Alls isch e Problem»

 

az: «Alls isch e Problem» gibt die Stimmung des Albums gut wieder: Wütende, vulgäre Kritik eines Proleten – allerdings nicht allzu ernst gemeint.
Stoiker: Wenn man Kinder hat, läuft man Gefahr, die Leichtigkeit im Alltag zu verlieren. Das habe ich auch bemerkt. So ist der Mensch: Weil man zu wenig natürliche Feinde hat, schafft man sich selber welche. Dann ist plötzlich alles ein Problem. Ich sehe das bei einigen Kunden auf der Arbeit: Anstatt vorwärtszumachen, lamentiert man lieber. Künstlerisch gesehen finde ich Querulanz aber absolut fantastisch.

Hören deine Kinder «Knöppel»?
Nein, nein! Das wird ihnen schön vorenthalten. Gut, ab und an gibt’s eine kleine Dosis. Sie sind sechs und acht – also in einem Alter, in dem das langsam lustig wird. Wobei: Die Musik ist ihnen zu hart. Wir müssen einfach schauen, dass das Vokabular nicht zu sehr einreisst.

 

Das ist Knöppel: Bassist Marc Jenny, Drummer Zosso und Daniel Mittag alias Jack Stoiker (v. l.).

 

Du bist bei den Fribourger Grünen. Die Erwartungen sind klein, dennoch die Frage: Ist das Album auch ein politisches Statement?
Ich würde nicht zu viel Intelligenz hineininterpretieren. Ich bin zwar politisch, aber ich trenne diese Dossiers lieber.

Als Jack Stoiker hast du aber schon für SP-Ständerat Paul Rechsteiner geworben und dich gegen die Durchsetzungsinitiative der SVP eingesetzt.
Mit «Knöppel» hat das nichts zu tun. Ich bin klar gegen die Unter­nehmenssteuer­re­form III und war entschieden gegen die DSI, mich zu äussern war mir deshalb wichtig. Im Prinzip war ich schon immer ein Linker, wobei ich die Links-Rechts-Unterscheidung unterdessen häufig als falsch empfinde. Es ist mir fast wichtiger, dass die Leute miteinander reden. Die Anti-SVP-Seitenhiebe aber habe ich mittlerweile aus dem Programm gestrichen.

Welche Seitenhiebe meinst du?
Beim Song «Petri Heil» meinte ich in der Ansage: Bi de Nazis hani kein A­schluss gfunde, und d SVP isch mor z’wiit rechts gsi, drum bin i zu de Fischor gange.

Warum hast du das gestrichen?
In den letzten Jahren hat mich die Frage nicht losgelassen, warum die Linken ständig so dermassen ablosen und was man eigentlich gegen die SVP tun könnte. Seither versuche ich, die SVP zu verstehen. Dann habe ich bei «Knöppel» Freude am Proletariat bekommen. Und dann fand ich heraus, dass ich eigentlich lieber auf dem Land spiele als in der Stadt.

 

«Ich versuche, ein gewisses Niveau nicht zu unterbieten,
während ich gleichzeitig versuche, das Niveau möglichst
tief zu halten. Alles klar?»

 

Weil deine Beleidigungen dort besser funktionieren.
Genau. Und vermutlich sind die Leute schlechter erzogen, das mag ich.

Apropos Beleidigungen: Wo liegen die Grenzen?
Bei der Satire-Debatte über «Charlie Hebdo» fand ich die Leute absolut verlogen, die gesagt haben: Satire darf alles. Du musst Rücksicht nehmen. Immer. Ich selbst achte sehr auf Sexismus oder religiöse Gefühle. Auch Chauvinismus oder Schlüpfrigkeit mag ich nicht. Natürlich singe ich die ganze Zeit unter der Gürtellinie. Trotzdem versuche ich, ein gewisses Niveau nicht zu unterbieten, während ich gleichzeitig versuche, das Niveau möglichst tiefzuhalten. Alles klar?

Klar. Gibt es Menschen, die du nicht beschimpfst?
I bi au fäng öber 40i, gäll. Aufs Alter wirst du etwas milde. Ich probiere, keine Menschen zu beleidigen, die es nicht verkraften können. Beim «Heimatlied» zum Beispiel sang ich, dass «leider au dä Hüppi us Sanggalle chonnt». Das «leider» habe ich später herausgenommen. Der Hüppi ist ja schon in Ordnung. Überhaupt versuche ich immer, keine blöde Musik zu mache – doof zwar, aber nicht blöd.

 

I wött am Bahnhofskiosk doch au mol es Heftli chaufe / Und I wött Indios mit Panflöte gseh, wenn i dur d Fuessgängerzone laufe / I ha die Landluft langsam satt, I wött i d Stadt, i wött uf Uzwil / Da Töfflibuebe-Lebe satt / Mir hönd au kei eigni Poschtleitzahl, mir hönd nume Halt uf Verlange / Au kein Fluss, nume Wasserodere, deför chasch der überall Zecke fange / I wött en Selecta-Automat und en Kebabstand / Und i wött emol Pommfritt ässe im Migros-Restaurant / Uzwil, ihr Wichser, i wött uf Uzwil!

– «Knöppel»: «Uzwil»

 

az: Es gibt auch eine Ode auf dem Album: an das Kaff «Uzwil». Wie kam es dazu?
Stoiker: Genau weiss ich das nicht mehr. Ich hatte aber Kollegen in Uzwil. Und es ist der einzige Ort, wo ich je Töffli gefahren bin. Als ich in der Primarschule war, knackte die Gemeinde die 10’000-Einwohner-Grenze – da war sie plötzlich eine Stadt. Doch wenn Uzwil eine Stadt ist, wo und was ist das Land? Jedenfalls wusste ich gar nicht, ob es dort überhaupt ein Migros-Resti gibt. Zudem das Wort: Uzwil! Hammor.

Du singst in breitem St.-Galler-Dialekt über St. Galler Eigenheiten. Warum eigentlich? Du wohnst ja seit 25 Jahren in Fribourg.
In den letzten Jahren habe ich eine gewisse Verbundenheit wiederentdeckt. Ich kann auch gar nicht anders singen als im Dialekt. So gibt «Hey Wichsers» die St. Galler Logik wieder.

Und wie sieht die aus?
So dieses Auf-hart-Machen, sagen (senkt die Stimme) «Du Arschloch! Yeah, etz es Schüga! Hopp FC Sanggalle!» und so. Dem wollte ich ein Denkmal setzen. Dabei war das ja gar nicht meine Jugend. Ich war eher der politisch sehr korrekte Typ.

Bist du deshalb aus St. Gallen weggegangen?
Do bin i 20i gsi, gäll. Damals war der Kanton katholisch, eine CVP-Hochburg. Die waren für uns die grössten Faschisten. Heutzutage gilt die CVP ja schon fast als links. Nach Mitternacht ein Bier zu bekommen, war ein Ding der Unmöglichkeit. Und da gab es diese verbiesterten Typen, die aus allem ein Problem gemacht haben. Doch wenn ich ehrlich bin, bin ich nicht davor geflüchtet. In Fribourg war’s ja nicht viel anders. Ich bin mehr vor meiner eigenen Borniertheit abgehauen, um noch etwas anderes zu sehen. In Fribourg habe ich gelernt, dass es okay ist, wenn man nicht krass daherkommt.

 

«Ich bin vermutlich einer der seriösesten Musiker der Schweiz.
Dafür ist meine Musik die unseriöseste des Landes.»

 

Viele mögen deinen Dialekt nicht. Ist das ein Problem?
Nein. I selbor ha ehn gern, und da langed mo völlig. Wenn ich Ostschweizer höre, denke ich manchmal schon, dass sie etwas doof klingen. Aber ich stelle mich ohnehin lieber dümmer, als ich bin. Du kannst eh jeden Dialekt schön oder grusig reden – egal ob in Züri oder Schaffuuse.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Sanggaller- und Schaffuuserdüütsch?
D Schaffuusor töned no sanggallerischor als d Sanggallor. Ich weiss auch nicht, ob das stimmt.

Lass uns nochmals grundsätzlich werden: Du hast Biochemie studiert und arbeitest als Wirtschaftsinformatiker. Du bist also eine honorable Stütze unserer Gesellschaft. Warum wirfst du dich zurück ins Vorpubertäre?
Ich war immer ein Braver. «Knöppel» ist mein Tourette-Syndrom und Musik mein Gegengift. Aber ja: Ich bin vermutlich einer der seriösesten Musiker der Schweiz. Ich habe geregelte Arbeitszeiten, stehe um Viertel nach sechs auf, schicke die Kinder in die Schule; es gibt kaum Exzesse bei mir, mit dem Rauchen habe ich vor über zehn Jahren aufgehört. Dafür ist meine Musik die unseriöseste des Landes.

Was sagen deine Bürokollegen dazu?
Gesagt habe ich es ihnen nie. Sie haben mindestens fünf Jahre gebraucht, um mein Doppelleben aufzudecken. Jetzt finden sie es ganz lustig, soweit sie es nachvollziehen können. Meine Chefs haben mir sogar beide Platten abgekauft.

Das Interview erschien erstmals in der Printausgabe der «az» vom 9. Februar 2017.