Von der Schnapsidee zur feinen Kunst

16. Juli 2018, Leutert Nora
«Wo ich meine Sachen aufbaue, da bin ich ein Studio.» Florian Amsler in seinem WG-Zimmer, das zugleich Tattoo-Studio ist. Foto: Nora Leutert
«Wo ich meine Sachen aufbaue, da bin ich ein Studio.» Florian Amsler in seinem WG-Zimmer, das zugleich Tattoo-Studio ist. Foto: Nora Leutert

Der Schaffhauser Grafiker und Illustrator Florian Amsler hat seine Zelte in Budapest aufgeschlagen. Hobbymässig hat er sich das Tätowieren beigebracht: Ein Kunstprojekt, das immer grösser wird.

«Studio Banlieue». Klingt nach Strasse, nach Gefahr. Dafür sind die Tätowierungen von Schlangen und angeketteten Hunden aber etwas zu elegant. Denn «Studio Banlieue» wird nicht von einer Gang betrieben. «Studio Banlieue» wird genaugenommen gar nicht betrieben, es ist kein Studio. Und dies ist keine Milieu-Recherche. Wenn auch Florian Amsler, der Mann hinter dem Kunstprojekt, im Herblinger Banlieue Stetten aufgewachsen ist.

Der 24-jährige Grafiker und Illustrator wohnt, wenn er nicht gerade in Schaffhausen ist, zusammen mit einem Freund mitten in Budapest. Die luftige Altbauwohnung ist in hellen Tönen gehalten, im Wohnzimmer ein Sofa mit grossen weis–sen Kissen, Vasen mit frischen Schnittblumen. In Florians Zimmer nebenan sind vor dem hohen Fenster Liege und Tätowiermaschine aufgebaut. Das also ist «Studio Banlieue». Hier werden heute zwei Tattoos gestochen. Eines von beiden wird ein bisschen wehtun. Aber dazu später.

«Ein Studio hatte ich nie, ich habe in Wohnzimmern angefangen mit dem Tätowieren», so Florian. «Der Name war mehr ein Witz. Wo ich meine Sachen aufbaue, da bin ich ein Studio.» Vor zwei Jahren ist er nach Budapest gezogen und arbeitet zeitweise von dort aus als Freelancer. Er macht vor allem grafische Arbeiten und Illustrationen: Aufträge vor Ort, aber auch in der Schweiz; so beispielsweise das Monatsprogramm der Kammgarn. Und dann ist da noch das Tätowieren. Ein künstlerisches Nebenprojekt eigentlich, das aber recht hohe Wellen schlägt in der Szene. Über 21000 Follower hat «Studio Banlieue» auf Instagram.

Holprige Anfänge
Angefangen hat alles damals in der Grafikfachklasse. «Ein Kollege hatte irgendwoher eine Tätowiermaschine», erzählt Florian. «Wir wussten nicht, wie man die bedient, aber ich war sofort on fire dafür.» So kam er 2010 zu seinem ersten Tattoo: Eine kleine Schere neben dem Knöchel. Wie in einer Räuberhöhle tätowiert, ohne Handschuhe, mit einem Fingerhut als Farbkappe. Ein weiteres einschneidendes Erlebnis gab es zwei Jahre später. Die Jungs stiessen damals in einem Hinterhof in Zürich an einem Event dazu. Dort traf Florian den Lausanner Stephane Devidal. Dieser kommt aus der bildenden Kunst, tätowiert aber auch. Keine Eins-zu-eins-Abbildungen in 3D – sondern seine eigene Kunst. «Stephane Devidal ist für mich Nummer-eins-Inspiration», so Florian. Die Kollegen fanden, Flo solle seine Zeichnungen auch tätowieren. Sie schenkten ihm ein simples Tattooset zum Geburtstag und stellten sich selbst gleich auch als Übungsobjekte zur Verfügung. Während Jahren tätowierte er so erstmal Freunde und Bekannte. Schnapsideen waren gang und gäbe. «Ja, viele lustige und gute Sachen sind entstanden – das war Teil davon», so Florian. 2015 installierte er dann Instagram – die perfekte Platform, um mit Bildmaterial Reichweite zu erzielen und sich zu vernetzen. «Das hat mir die Tore geöffnet zu der ganzen Szene», so der Schaffhauser.

Each one teach one
Alles sehr herzliche Menschen, die Tätowierer, meint Florian, da hiesse es gleich «komm doch mal nach Brüssel». Also ging er nach Brüssel. Lernte mehr Leute kennen, die ihn dann auch wiederum besuchten. «Each one teach one», meint Florian. Jeder gibt sein Wissen über das Handwerk weiter. «Am Anfang lässt du dir vielleicht zeigen, wie man eine Tattoomaschine repariert, wenn du das nie von einem Mentor gelernt hast.» Zum Geben und Nehmen gehört natürlich auch das gegenseitige Tätowieren. Die meisten der Tattoos des Schaffhausers sind so im freundschaftlichen Tausch entstanden.

Die junge Szene hat sich von dem Zwang gelöst, dass eine Tätowierung irgendein höchst persönliches Motiv, untermauert mit viel Sinngehalt, sein muss. «Niemand möchte der sein, der nur Auftragsarbeiten macht», so Florian. Eine Tätowierung kann auch ein Kunstkauf sein, oder Kunstsammeln – man schafft sich ein Bild eines Künstlers an, dessen Werk man verehrt. Ein Unikat oft, denn viele stechen jedes Motiv nur einmal.

Das Tätowieren in diesem Sinne ist immer noch Subkultur. Dabei komme es auch zu Konflikten innerhalb des Metiers, meint Florian. Gelernte Tätowierer alter Schule würden von dieser neuen Form oft nichts halten – die Hobbytätowierer würden das Handwerk nicht respektieren, so die Meinung. Vielerorts hat man (noch) kein Verständnis für diese nicht perfekten Tätowierungen. So auch in Budapest.

Wieso kommst du hierher?
Er habe relativ schnell bemerken müssen, dass es hier nicht wirklich eine Szene dafür gibt, meint der Schaffhauser Tattoo-Artist. Die paar Leute, die auch in diesem Stil tätowieren, lernte er schnell kennen. Sie alle meinten: «Was? Wieso kommst du hierher? Wir wollen alle weg von hier, wir wollen nach Berlin.» Prompt seien sie dann nach Berlin gezogen nach ein paar Monaten. Seither laufe hier nicht viel.

Wieso also Budapest? Wieso nicht auch für ihn Berlin? «Ich wollte nicht irgendwohin, wo alle hingehen. Ich wollte was Neues ausprobieren», meint Florian. Zentraleuropa habe ihm schon immer zugesagt, ihm gefalle die postsowjetische Ästhetik und Kultur «Es ist zwar schade, dass es hier keine Community gibt, handkehrum habe ich aber Zeit für meine eigenen Projekte.» Budapest sei sein Rückzugsort. Schliesslich hat er oft Termine auswärts; Wien, Berlin, Barcelona, Bern, Zürich. Auch Schaffhausen hat er keineswegs den Rücken gekehrt, er pendelt zwischen Budapest und der Heimat, hat da schliesslich seine Familie und nach wie vor seinen Kollegenkreis. Die Aussenseite seines Unterarms ziert ein kleiner, wolkenhafter Schwan. In liebevoller Erinnerung an Schaffhausen, an den Rhein – auf der Donau gibt es kaum Schwäne.

Los geht’s
Es klingelt an der Tür. Es ist der erste von zwei Kunden heute. Der Besucher aus Berlin hat Florian auf Instagram entdeckt. «Sein Stil ist einfach komplett anders. Ich habe das vorher noch nie so gesehen», meint er. Deshalb ist er auf seiner Budapestreise zu «Studio Banlieue» gekommen, um seine Tattoo-Idee in dessen klassischen, prägnanten, linearen Stil umsetzen zu lassen. Er selbst ist im Jahr des Hahns geboren, sein Sohn im Jahr der Schlange. Deshalb möchte er ein Tattoo, das die beiden Tiermotive vereint – es soll aber nicht so aussehen, als würden sie kämpfen. Nicht ganz einfach. Und eigentlich auch nicht ganz das, was Florian sonst macht. Er sehe allerdings in allem eine Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln und sein Handwerk zu verfeinern, meint der Tattoo-Künstler. Er hat schon einen Entwurf auf Papier angefertigt, den er nun mit dem Gast aus Berlin bespricht und gleich nach Wunsch anpasst mit Bleistift. Es entsteht eine Reinzeichnung, die auf Folie übertragen wird – und mithilfe derselben schliesslich auf den Arm des Kunden. Danach bereitet Florian die beiden Tattoo-Guns mit den unterschiedlich dicken Nadeln vor, reinigt die Utensilien. Und los gehts.

Nach etwas mehr als einer Stunde kommen Tätowierer und Tätowierter zurück ins Wohnzimmer. Der Kunde ist zufrieden. Und, hat’s weh getan? «Nein. Habs mir schlimmer vorgestellt.» Kommen wir also zum schmerzhaften Teil der Geschichte. Die nächste Kundin, die letzte des Tages, ist nämlich bereits da – und zwar schon die ganze Zeit. Sie sitzt auf dem weissen Sofa und hat jetzt Feierabend. Und sie möchte nicht länger auf ihr Tattoo warten.

Dazu nur so viel: Sie hat es sich auch schlimmer vorgestellt. Es hat echt fast nicht weh getan.