«Der Schulrat ist zu weit weg»

29. März 2018, Greuter Mattias

Ernst Sulzberger muss auf Wunsch der Lehrerinnen und Lehrer das Bachschulhaus abgeben. Schulpräsidentin Katrin Huber nimmt Stellung.

Ein Schüler im Bachschulhaus spricht Drohungen aus und bringt ein Messer in den Unterricht: Die Lehrpersonen haben Angst, und weil der Schüler Muslim ist, wirft der Fall grosse Wellen in den Medien und in der Politik (siehe „Der Stadtschulrat in der Kritik, ganz unten). Das ist mehr als ein Jahr her. Jetzt gibt der zuständige Stadtschulrat Ernst Sulzberger das Bachschulhaus auf Wunsch des Lehrerteams ab.

az Katrin Huber, aus dem Team des Bachschulhauses kommt scharfe Kritik an Stadtschulrat Ernst Sulzberger, nun muss er das Schulhaus abgeben. Trotzdem sind Sie der Ansicht, er habe keine Fehler gemacht. Ist das nicht ein Widerspruch?
Katrin Huber Ich finde es nicht richtig, zu sagen, er habe Fehler gemacht. Ernst Sulzberger war eines von vier neu gewählten Schulratsmitgliedern, die am 1. Januar 2017 die Arbeit aufgenommen haben. Er wurde ins kalte Wasser geworfen.

Sie sprechen damit an, dass der Schüler, der im Herbst 2016 im Bachschulhaus für Probleme gesorgt hatte, bereits ein Thema war, als Ernst Sulzberger das Team übernahm?
Ein Thema? Jein. Für die betroffenen Lehrer ist es so, dass sie bereits im November um Hilfe gerufen haben und der Stadtschulrat nichts gemacht habe. Das ist aber eine Frage der Wahrnehmung: Wenn ich mich an Leib und Leben bedroht fühle, gehe ich doch auf die Barrikaden und warte nach der ersten Kontaktaufnahme nicht zwei Monate zu. Ich habe zu diesem Zeitpunkt nicht wahrgenommen, dass es derart «brennt», ansonsten hätte ich anders reagiert.

Auf jeden Fall hatte sich das Team bereits über den Schüler beklagt, als Sulzberger kam. Wie ging es weiter?
Er hat das Team übernommen, und weiterhin hat es aus Sicht des Schulrats nicht «gebrannt». Der Vorsteher, Mark Brütsch, hat Ernst Sulzberger informiert. Als er erst drei Wochen im Amt war, kam es wegen des betreffenden Schülers zu einem Polizeieinsatz. Ich bin überzeugt, Ernst Sulzberger hat nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt.

Laut Unterlagen, aus denen die «SN» zitierten, warf ihm eine Lehrperson «ostentatives Desinteresse und eine Geringschätzung für unsere Schule vor». Da muss doch etwas schief­gelaufen sein.
Die «SN» zitieren aus einem Klassenbericht, und ich finde es etwas gefährlich, daraus die Meinung des ganzen Teams abzuleiten. Trotzdem: Wenn Lehrer sagen, sie hatten Angst, dann ist das so zu akzeptieren. Ob sie das gegenüber Ernst Sulzberger auch so kommuniziert haben, kann ich nicht beurteilen. Er ist in meinen Augen ein fairer Typ, und in den anderen beiden Teams, für die er im Schulhaus Gega zuständig ist, wird er geschätzt.

«Wir brauchen eine Führung vor Ort, die schneller handlungsfähig ist.»

Es entsteht der Eindruck, dass Ernst Sulzberger überfordert war. Sie sind der Ansicht, jeder wäre in seiner Situation gescheitert. Bedeutet das, der Stadtschulrat als Laiengremium mit 20-Prozent-Pensen kann die Probleme des heutigen Schulalltags nicht bewältigen?
Das ist so. Davon bin ich je länger, je mehr überzeugt. Wir haben Herausforderungen, denen wir mit dem Milizsystem nicht gerecht werden können. Wir als Schulrat sind zu weit weg, und die Vorsteher geben hauptsächlich Unterricht. Wenn etwas vorfällt, sind sie meist mit ihrer eigenen Klasse beschäftigt. Wir brauchen eine Führung vor Ort, die schneller handlungsfähig ist.

Das bedeutet im Klartext: Schaffhausen braucht Schulleitungen?
Wie man diese Führung vor Ort nennt, ist mir gleich, aber es braucht sie. Es gibt keine Gemeinde in vergleichbarer Grös­se, die keine Schulleitungen hat.

Ohne Schulleitung lag die Verantwortung bei Ihnen und Ernst Sulzberger. Auch, weil es keinen Bereichsleiter Bildung gab, als die Medien das Thema aufgriffen?
Ja, die Stelle war bis im Sommer 2017 vakant, ich habe einen Teil dieser Aufgaben zusätzlich übernommen. Dazu kam der Referatswechsel im Stadtrat, Raphaël Rohner übernahm die Bildung von Urs Hunziker. Ernst Sulzberger war neu im Amt, und auch der Vorsteher und eine betroffene Lehrperson waren neu.
Das mediale Interesse, das Sie ansprechen, ist das eine, aber das Aufbauschen durch die Kleine Anfrage von Edgar Zehnder hat das Problem akzentuiert, weil darin Sachen behauptet wurden, die nicht wahr sind. Statt mit uns zu sprechen, ging die SVP mit politischen Vorstössen an die Öffentlichkeit. Das hat unsere Arbeit extrem erschwert.

«Es wäre falsch, Ernst Sulzberger die Schuld für den ganzen Scherbenhaufen zu geben.»

Rückblickend: Hat der Stadtschulrat den «Fall Bach» unterschätzt?
Ja. Das muss man so sagen, gerade nach den Gesprächen unter externer Beratung. Zum Zeitpunkt, als es für die betroffenen Lehrpersonen problematisch war, kam das nicht bei uns an. Damit das nicht wieder passiert, haben wir jetzt ein klares Ablaufschema. Wenn jemand ein Problem meldet, muss er klar sagen, was er vom Gegenüber erwartet. In diesem Punkt haben alle etwas gelernt, aber es wäre falsch, Ernst Sulzberger die Schuld für den ganzen Scherbenhaufen zu geben.

Trifft der Vorwurf zu, ein Teil des Stadtschulrats habe die Probleme kleingeredet?
Nein, das finde ich nicht richtig. Wir nehmen diese Meinung zur Kenntnis, aber wir haben entsprechend unserem Wissensstand gehandelt.

Lehrpersonen kritisieren, der Stadtschulrat habe zu lange zugewartet, Sie entgegnen, die Lehrpersonen hätten dringlicher Hilfe suchen müssen – das klingt nicht, als hätte man für den Umgang mit schwierigen Situationen etwas gelernt.
Hier sind wir beim Hauptthema: Man kann nicht nur von der anderen Seite erwarten, dass sie sich ändert. Wir haben in den letzten Monaten unsere Abläufe mehrmals überprüft und angepasst. Beim Bach-Team habe ich noch nicht viel davon mitbekommen, dass an den Prozessen gearbeitet würde.

Im Februar machte SVP-Präsident Pentti Aellig per Twitter publik, dass es auch im Alpenblick eine Morddrohung gab. Danach haben Sie eine Pressekonferenz einberufen. Hätte die Öffentlichkeit, hätten die Eltern ohne die Tweets überhaupt von diesem Fall erfahren?
Diesen Fall haben wir ziemlich lehrbuchmässig abgehandelt. Wir haben uns jeden zweiten Tag die Frage gestellt: Sollen wir die Eltern der betroffenen Klasse informieren? Gibt es überhaupt eine betroffene Klasse, weil der Schüler bereits seit Monaten in der Time-Out-Klasse ist? Am Tag vor den Tweets kamen wir gemeinsam mit dem Team und Matthias Meyer von der Kriseninterventionsgruppe zum Schluss, ausserhalb des Teams nicht zu informieren. Erstens war die Situation im Griff, zweitens war der Schüler seit vier Monaten in der Time-Out-Klasse, und drittens war der Fall aus unserer Sicht nicht von öffentlichem Interesse. Pentti Aellig war anderer Meinung.

Die Öffentlichkeit hätte davon also nichts erfahren. Auch nicht vom Vorfall im Bachschulhaus, wo ein Schüler eine Drohung aussprach und ein Messer in die Schule brachte?
Das ist eine schwierige Frage. Ich bin seit zehn Jahren in dieser Behörde, ähnliche Vorfälle gab es immer wieder, und wir gingen nie an die Öffentlichkeit. Aber wir haben es immer geschafft, für die Schüler, die Eltern und die Lehrpersonen eine Lösung zu finden. Ich glaube nicht, dass man mit einer Information der Öffentlichkeit Probleme löst. Unter Umständen macht man sie komplizierter.

Wahlen 2016: Katrin Huber gratuliert Ernst Sulzberger.

Wahlen 2016: Katrin Huber gratuliert Ernst Sulzberger.

Die Erfahrung zeigt, dass man solche Vorfälle fast nicht geheim halten kann. Müsste man deshalb nicht proaktiver kommunizieren?
Wir haben 3500 Schulkinder in der Stadt, Störungen im Unterricht gibt es ständig. Sollen wir jedes Mal, wenn ein Schüler in die Time-Out-Klasse kommt oder suspendiert wird, also mehrmals pro Woche, eine Medienmitteilung schreiben? Letzte Woche haben wir kommuniziert, dass wir einen Schüler angezeigt haben, der im Gräfler ein Hakenkreuz anbrachte. Der zuständige Schulrat Christian Ulmer war eine Woche lang damit beschäftigt, Elterngespräche und Teambesuche durchzuführen, die Medienmitteilung vorzubereiten, einen Elternbrief zu verfassen … Der Aufwand ist enorm.

Ihnen geht es aber nicht nur um den Aufwand, sondern Sie sind der Ansicht, dass Vorfälle wie die im Bach und im Alpenblick nicht an die Öffentlichkeit gehören.
Nicht grundsätzlich. Aber wir müssen, wie wir es im Alpenblick gemacht haben, sorgfältig entscheiden, ob und wen wir informieren.

Dem Stadtschulrat wurde vorgeworfen, er kommuniziere zu wenig oder zu spät. Jetzt spreche ich mit Ihnen, weil offenbar vereinbart wurde, dass Ernst Sulzberger keine Fragen beantwortet. Offene Kommunikation sieht anders aus.
In diesem Fall geht es um den Schutz von Ernst Sulzberger. Die Situation ist für ihn nicht angenehm, er wird zum Sündenbock gemacht und muss über sich lesen, was er alles falsch gemacht habe. Er selbst hat den Wunsch geäussert, nicht Auskunft geben zu müssen, nachdem die «az» ihn angefragt hatte. Im Schulrat haben wir gemeinsam entschieden, dass ich die Ansprechperson bin.

Sowohl beim Bachschulhaus als auch beim Alpenblick fällt auf, dass jeweils nicht das zuständige Schulratsmitglied, sondern Sie kritisiert wurden, vor allem von der SVP. Wird das Erfolg haben, geben Sie irgendwann auf?
Ganz spurlos geht das nicht an mir vorbei. Ich muss mich ernsthaft fragen, ob ich diesen Job noch ewig mache. Die SVP hätte 2016 jemanden für das Schulpräsidium aufstellen können, ich hätte einen Wahlkampf begrüsst. Stattdessen stellt man mich ein halbes Jahr nach den Wahlen infrage und ruft nach meiner Absetzung, ohne aber Bereitschaft zu zeigen, Verantwortung zu übernehmen. Im Moment sind die nächsten Wahlen noch weit weg. Ob ich nochmals antrete oder ob ich zurücktrete, entscheide ich selber und sicher nicht die SVP.

 

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Der Stadtschulrat in der Kritik: drei Fälle, drei Vorstösse, Dutzende Artikel
Im Herst 2016 schreiben die «SN» über das Gerücht, eine muslimische Familie mit Kindern im Schulhaus Alpenblick habe sich möglicherweise radikalisiert. Später stellt eine externe Untersuchung zwar fest, dass dies nicht der Fall war – doch das Thema beschäftigt die Öffentlichkeit. Vor allem, weil Grossstadtrat Edgar Zehnder (SVP) in der Zwischenzeit publik gemacht hat, dass ein Schüler im Bachschulhaus Lehrpersonen gedroht und ein Messer in die Schule gebracht hatte. Die SVP beginnt eine Reihe von Attacken auf Schulpräsidentin Katrin Huber Ott, die «SN» helfen kräftig mit und werfen ihr Vertuschung vor. Die erwähnte Untersuchung hatte Fehler in der Kommunikation durch den Stadtschulrat festgestellt.

Der Schüler aus dem Bachschulhaus beschäftigte derweil auch überregionale Medien, es entstehen zwei klare Lager: Die «SN», die «Weltwoche» und der «Blick» skandalisieren den Vorfall und kritisieren Huber, die «az», die «WOZ» und das «Magazin» beschwichtigen. Die «az» schreibt von einer «antimuslimischen Hetz-Kampagne», einer Zusammenarbeit von «SN» und SVP.

Als sich die Wogen endlich etwas glätten, macht SVP-Parteipräsident Pentti Aellig im Februar 2018 per Twitter einen weiteren Fall publik: Ein Schüler hatte im Alpenblick massive Drohungen ausgestossen. Erneut stand Katrin Huber unter Druck. Die SVP hat anlässlich der Vorfälle im Kantonsrat und im Gros­sen Stadtrat je einen Vorstoss eingereicht, in denen sie scharf kritisiert wurde, Aellig spekulierte über ihren Rücktritt, die SVP forderte einen «Neuanfang» im Stadtschulrat. Eine Kleine Anfrage von Edgar Zehnder verdächtigte Katrin Huber aus­serdem faktenwidrig, mehr als 100 Prozent Lohn zu beziehen.

Die gute Nachricht: Trotz des Medienrummels befinden sich beide Schüler auf einem guten Weg.
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