Der doppelte Baptiste

16. Februar 2018, Brühlmann Kevin
Abseits der Bühne gibt sich Baptiste Beleffi zurückhaltend. Foto: Peter Leutert
Abseits der Bühne gibt sich Baptiste Beleffi zurückhaltend. Foto: Peter Leutert

Um ein Haar wären Baptiste Beleffi und seine Band Palko Muski gross herausgekommen. Zum Glück fehlte dieses Haar. Heute besinnt sich der Sänger auf die Wurzeln. Der Slogan dazu: «Zurücker than ever».

Wenn man Baptiste Beleffi Dinge vorschreiben will, kommt das selten gut. Und wenn es dabei auch noch um seine Band Palko Muski geht, ist Hopfen und Malz verloren. Respektive Roggen – die Hauptzutat von Wodka.

An so einem Punkt stand Baptiste Beleffi vor gut zwei Jahren.

Damals lag alles bereit für den Durchbruch von Palko Muski. Eine gros­se Plattenfirma hatte die eigenwillige Gypsy-und-Polka-Punkkappelle unter ihre Fittiche genommen. Man spielte an mittelgrossen Festivals. Man hatte einen kleinen Bekleidungsvertrag mit Adidas in der Tasche. Man schob ein ungewöhnlich poppig produziertes Album, «Land of Ego» mit Namen, in den Ofen.

Aber dann geschah nichts. Das Majorlabel hielt die Band wochenlang hin. Zog plötzlich merkwürdige Klauseln aus den Rüschen-Ärmeln: Baptiste, du sollst nicht mehr oben ohne auftreten, keine nackten Fotos machen, Baptiste, du bist der Sänger und Bandleader, gibst den Ton an, Baptiste dies, Baptiste das.

Schliesslich stellte Palko Muski die Frau vom Label zur Rede. «Da hiess es: Eierstöcke auf den Tisch legen», wie es die Band heute formuliert. Es folgte die Trennung. Das Album wurde wenig später veröffentlicht, in Eigenregie, ohne Plattenfirma. Und der Vertrag mit Adidas lief aus, weil es die Band verpennte, Belegfotos mit den Kleidern an den Konzern zu schicken.

Jetzt sitzt Baptiste Beleffi in einem Café in der Nähe der Zürcher Bahnhofstrasse und ist zufrieden. Der 39-Jährige sagt: «Ein solches Album würde ich heute wohl nicht mehr machen.» Er bereue nichts, nein, er sei vielmehr dankbar. Schliesslich habe er dank dieser Label-Geschichte erkannt, was er wirklich will: Spass haben, spontan sein, mit Freunden Musik machen. Und vor allem: Niemand hat ihm vorzuschreiben, ob und wann er sein T-Shirt auszieht.

Sonnenstrahlen, so hart, wie sie nur der Winter schmieden kann, fallen durch die hohen Fenster des Cafés. «Lotti» heisst es, und es ist ein wenig wunderlich eingerichtet. In einer Ecke ragt eine Pottwalflosse aus der Wand. Hinten hat ein Künstler ein überdimensioniertes gelbes «M» im McDonald’s Design kopfüber an die Wand gepinnt, und darüber turnen fünf rote Sterne.

Baptiste mag das Lokal, weil es für ihn einen subtilen Ort des Widerstands darstellt, im Hinterhof des Paradeplatzes, praktisch als schwarzer Zeh des Bankenplatzes Zürich.

«Du darfst sie nicht überall durchlassen», sagt er. Seine eisblauen Augen stechen hervor. Die braunen Locken hat er unter eine Baseballmütze gesteckt. Hinter dem Bart versteckt sich ein kantiges Gesicht.

Es ist bald halb elf Uhr morgens, und Baptiste schlägt vor, einen Wodka zu trinken. Man setzt sich an die Bar.
Man verliert sich ein wenig in Anekdoten.

Als er vor zwölf Jahren auf Russen im Bandraum stiess, dadurch Englisch lernte, Akzent inklusive, und Gefallen an russischer Polkamusik fand und als Anagramm Palko Muski ableitete.

Als er sich den Fuss brach während eines Konzerts, weiterspielte, und auch die Tournee weiterging, Baptiste vorne am Keyboard sitzend, das geschiente Bein hochgelagert.

Als er in Neapel mit Schuhen beworfen wurde und nicht so recht wusste, was das bedeuten soll, bis die Meute völlig in Ekstase aufging.

Als er sich vor ein paar Jahren vom Arzt durchchecken liess, via Ultraschall, man eine ziemlich mitgenommene Leber erkannte, «Abnützungserscheinung», und er für einige Zeit auf Wodka verzichtete.

Und als er schliesslich, mit der Geburt seiner heute vierjährigen Tochter, die Endlichkeit des Lebens feststellen musste.

Wobei in Anekdoten verlieren. Es ist nicht so, dass man bei Baptiste Beleffi einen kleinen Knopf zu drücken braucht, und dann klimpern die Worte unten ins Münzfach hinein, dass man glaubt, den Jackpot geknackt zu haben. So ist es überhaupt nicht.

Der Mann ist ein sehr ruhiger Typ; er spricht leise und präzise. In rundem Schaffhauserdeutsch, obschon er gleich nach der Kantonsschule nach Zürich zog. Jedenfalls ist dieser Mann ganz anders als der Baptiste auf der Bühne, dieser vorlaute Tatare, der mit Vorliebe aus dem Duden der neurussischen Schimpfschreibung vorliest.

«Bipolar», lacht Baptiste. «Die Bühne ist meine Katharsis.»

Dawai! Gewöhnliche Überbordung von Baptiste auf der Bühne.

Dawai! Gewöhnliche Überbordung von Baptiste auf der Bühne.

Freilich, eine Frage bleibt im wunderlichen Café noch unbeantwortet: Was passiert nun mit Palko Muski, zwölf Jahre nach der Gründung, deren zwei nach der Trennung vom Label, nachdem sieben Gitarristen, vier Akkordeonisten und fünf Drummer wegen des irren Tempos der Band die Segel gestrichen haben?

Es gehe natürlich weiter, sagt Baptiste. Die jetzige Bandformation sei ja nun auch schon einige Jahre so zusammen­geblieben. «Wir sind eine Familie», meint er, «eine Familie, die mich mit dem Mandat zum Diktator ausstattet.»

Und dann erzählt er von den Plänen: Im Sommer will die Band drei, vier Wochen mit dem Bus durch den Mittelmeerraum reisen und spontane Konzerte auf der Strasse geben. Dabei sollen auch neue Lieder entstehen, vielleicht ein neues Album, alles möglichst eng am Bühnenauftritt.

«Das haben wir als Dogma festgelegt», sagt Baptiste: «Wir wollen nur noch live einspielen, ohne aufwendige Zusätze im Studio.» Also zurück zu den Wurzeln? Er nickt; das Nicken hat etwas Feierliches, etwas Würdevolles, wie das nur Einweihungszeremonien eigen ist.

Zum Abschied schiebt Baptiste einen Bierdeckel über den Tisch. Darauf sind die nächsten Konzertdaten von Palko Muski aufgeführt. Begleitet vom Slogan «Zurücker than ever», zurücker denn je.


Palko Muski tritt am Freitag, 16. Februar, im TapTab Schaffhausen auf. Konzertbeginn ist um 23 Uhr.