Kommentar: Endlich wehren sie sich

26. Oktober 2017, Sauter Jimmy


Warum organisiert nicht Christian Amsler einen Räbeliechtli-Umzug, anstatt in der Kammgarn Piano zu spielen? Jimmy Sauter über die Absage der Räbeliechtli-Umzüge.

Jimmy Sauter

Jimmy Sauter.

«Schämt euch», «Huere Sauerei» und «Pfui» lauteten einige der Kommentare auf der Facebookseite der «Schaffhauser Nachrichten». Adressaten dieser Hasstiraden: die Kindergartenlehrpersonen.

Auslöser für den Shitstorm war eine Mitteilung des Lehrervereins. Am Montag hatte der Verein bekannt gegeben, dass die Kindergartenlehrpersonen der Stadt Schaffhausen in diesem Jahr auf die Organisation der traditionellen Räbe­liechtli-Umzüge verzichten. Beim Räbeliechtli-Umzug handelt es sich um eine Zusatzleistung, welche die Kindergartenlehrpersonen bisher freiwillig und unentgeltlich erbracht haben. Die Absage der Umzüge sei die Antwort darauf, dass der Kantonsrat den Lehrpersonen die vor Jahren versprochene Entlastungslektion im Sommer verweigert hat, heisst es in der Mitteilung.

Der Schaffhauser Erziehungsdirektor Christian Amsler zeigte sich «not amused» und schrieb: «Bei allem Verständnis für die Ungeduld auf dem mühsam langen Weg der Forderung Entlastungslektion: Solche Massnahmen auf dem Buckel der Kinder widerstreben (…) meinem Pädagogenherz.»

Wir halten fest: Ja, hier wird Politik auf dem Buckel der Kinder betrieben. Das ist traurig. Doch jetzt kommt das grosse Aber:

Warum sollten die Kindergartenlehrpersonen in ihrer Freizeit gratis einen Räbeliechtli-Umzug organisieren? Den Kindern zuliebe? Warum organisiert nicht Christian Amsler spätabends nach einem anstrengenden Arbeitstag einen Räbeliechtli-Umzug, anstatt in der Kammgarn Piano zu spielen? Warum machen das nicht die Eltern (es sind ja schliesslich ihre Kinder und nicht jene der Kindergartenlehrpersonen) oder all jene, die nun auf die Lehrer einprügeln? Keine Zeit? Kein Bock?

Das Problem ist, dass es viele Leute inzwischen als selbstverständlich erachten, was die Lehrer alles an freiwilligen Zusatzaufgaben neben ihrem eigentlichen Job erledigen. Nur, anständig entlasten oder bezahlen will man sie dafür nicht. Im Gegenteil, mehrere Kindergartenlehrpersonen müssen gegen ihren eigenen Arbeitgeber, den Kanton, sogar vor Gericht für faire Löhne kämpfen.

Dass nun ausgerechnet jener beklagt, hier werde Politik «auf dem Buckel der Kinder» gemacht, der kürzlich denselben Kindern ein halbes Schuljahr streichen wollte, ist scheinheilig und deplatziert.

Die Kindergartenlehrpersonen hingegen haben genau richtig gehandelt. Die Absage der Räbeliechtli-Umzüge ist eine sehr harmlose, aber medienwirksame Massnahme. Wenn sie keine Wirkung erzielt, sollten sie sogar noch einen Schritt weitergehen und auch Schultheater, aufwendige Lager und weitere freiwillige Projekte streichen. Wenn all das plötzlich fehlt, realisiert der wütende Mob vielleicht wieder, was die Lehrpersonen alles nebenbei machen. Das erfordert Mut und bedeutet, dass man einen Shitstorm aushalten muss. Aber – wie heisst es so schön – wer nicht kämpft, hat schon verloren.

Zuletzt bleibt festzuhalten: Schuld daran, dass die Räbeliechtli-Umzüge ausfallen, sind nicht die Kindergartenlehrpersonen, sondern jene, die FDP und SVP gewählt haben. Es waren Politiker dieser Parteien, welche den Lehrpersonen die Entlastungslektion verweigert haben. Auf sie sollte ein Shitstorm einprasseln.