«Puff» ums Demenzwohnheim

5. Oktober 2017, Sauter Jimmy
Kein Demenzwohnheim: Herblingen hat nun ein Erotikstudio.

Das geplante Demenzwohnheim in Herblingen hätte in dieser Form nicht gebaut werden können, sagen die Behörden. Bauherr Pius Zehnder wusste das bereits, bevor er sein Baugesuch zurückgezogen hat.

Die Empörung war gross. «Nachbarn verhindern Wohnheim in Herblingen – Demente unerwünscht!», titelte der «Blick». Die Vereinigung «Alzheimer Schweiz» zeigte sich schockiert, viele Leser ebenfalls. Stattdessen gibt es nun am gleichen Ort ein Erotikstudio, wie die «Schaffhauser Nachrichten» berichteten.

Nur: So einfach ist die ganze Geschichte nicht. Das geplante Wohnheim hätte in dieser Form ohnehin nicht gebaut werden können. Die zuständigen Behörden der Stadt erachteten das Projekt als «nicht bewilligungsfähig» – und Bauherr Pius Zehnder wusste das. Doch statt das Bauprojekt nachzubessern, zog Zehnder das Baugesuch zurück. Aber der Reihe nach:

Nachdem Pius Zehnder bei der Stadt ein Baugesuch für ein Wohnheim für demente Personen eingereicht hatte, gingen bei den Behörden drei Einwendungen von Anwohnern ein. Die «az» hat die Einwendungen, den Briefwechsel der Behörden mit Bauherr Pius Zehnder sowie die Baupläne beim Amt einsehen können. Die Dokumente unterstehen dem Öffentlichkeitsprinzip.

Die Baupläne zeigen, dass Zehnder unter anderem einen modernen Anbau an das bestehende Bauernhaus plante. Die Einwendungen richten sich in erster Linie gegen diesen Neubau. Unter anderem wird moniert, das Projekt sei «überdimensioniert» und «zu wuchtig», und Fassadenelemente wie Blech und Glas seien «umgebungsfremd». Weiter werden in den Einwendungen die Gestaltung der Dachform und die zu tiefe Anzahl Parkplätze kritisiert. Ausserdem werde der baugesetzliche Mindestabstand von 2,5 Metern zu den Grundstücken der Nachbarn nicht eingehalten.

«Korrektur benötigt»

Die Beurteilung durch die Behörden zeigt, dass damals noch mehrere Unterlagen fehlten. Beispielsweise forderte das kantonale Tiefbauamt einen sogenannten «Objektschutznachweis». Wegen des nahe gelegenen Herblinger Dorfbaches befindet sich Zehnders Grundstück in einer geringen bis mittleren Gefahrenzone für Hochwasser. Zehnder müsse darum nachweisen, dass sein Bauobjekt gegen eine Überschwemmung geschützt ist, wie sie alle 300 Jahre vorkommen könnte.

Laut dem Leiter der städtischen Baupolizei, Albin Sigrist, habe die Stadt nach verschiedenen Abklärungen das Gespräch mit den Bauherren gesucht und ihnen nahegelegt, das Bauprojekt nachzubessern. «Es hätte eine Korrektur am Projekt benötigt», sagt auch die Stabsleiterin des Baureferats, Tina Nodari. Die Stadtbildkommission habe insbesondere die Fassade, die Fensteranordnung des Neubaus, die Dachform sowie das Volumen des Neubaus kritisiert. Die geplante Nutzung als Wohnheim für demente Personen sei jedoch nie ein Thema gewesen. Sowohl Sigrist wie auch Nodari sagen, ein Wohnheim für demente Personen könne ein Anwohner nicht verhindern, nur weil er gegen die Anwesenheit von dementen Personen sei. Zwar können Anwohner mit Einsprachen und dem Weg über die Gerichte ein Bauprojekt jahrelang hinauszögern, schlussendlich würden sie aber vermutlich verlieren, wenn das Bauprojekt allen gesetzlichen Ansprüchen genüge.

«Sieben verschiedene Modelle»

Pius Zehnder will auf Nachfrage der «az» zu diesem Thema nichts mehr sagen und verweist auf den Architekten des Projekts, Peter Sandri. Sandri kann nicht nachvollziehen, warum das Wohnheim nicht bewilligungsfähig gewesen wäre. «Wir haben uns mit der Stadtplanung immer wieder ausgetauscht und sieben verschiedene Modelle gemacht. Von der Stadtbildkommission habe ich bis heute keine offizielle Stellungnahme erhalten.» Ausserdem sei es üblich, dass ein Bauprojekt in dieser Phase noch nicht bis ins letzte Detail ausgereift sei. So habe man mit dem Tiefbauamt vereinbart, den «Objektschutznachweis» nachzuliefern. «Auch das Näherbaurecht an das Grundstück einer Nachbarin hätten wir bekommen», sagt Sandri. Er vermutet, die Stadtbildkommission sei über all das nicht im Bilde gewesen.

Das Bauprojekt zu verkleinern, wäre allerdings keine Option gewesen. «Es muss eine gewisse Anzahl Zimmer haben, sonst lässt sich das Demenzwohnheim nicht rentabel betreiben. Als es Einwendungen gegeben hat, war klar, dass ein jahrelanger Rechtsstreit droht. Das wollte Pius Zehnder nicht, und darum hat er das Baugesuch zurückgezogen», sagt Sandri.