Brüele mit em König

29. September 2017, Brühlmann Kevin
Min King (v. l.) wagt einen radikalen Bruch: David Aro (Piano, Orgel), Boris Aebischer (Gitarre), Philipp Albrecht (Gesang), Andi Penkov (Bass), René Albrecht (Schlagzeug, Gesang).

Fünf Jahre nach «Am Bluemeweg» steigen die Soul-Brüder von Min King aus der Waschmaschine. Nach einem ordentlichen Schleuderprogramm blieb fast nichts mehr beim Alten. Das neue Album «Immer wieder» ist schwerer, leichter und überwältigender.

Es ist das höchste Lob, das man einer sogenannten Mundartband aussprechen kann: dass sie eben keine Mundartband ist. Dass die Musik nicht irgendein Klimbim zur Ölung der Texte ist, sondern die Instrumente und der Gesang die Musik ergeben, und dass dazwischen kein noch so dünnes Blatt passt.

So geht das bei Min King. Soulband ist hier der passende Begriff. Wobei sich mit dem neuen Album «Immer wieder» einiges verkompliziert. Seitdem das Debüt «Am Bluemeweg» vor fünf Jahren erschienen war, starteten die Soul-Brüder von Min King ein heftiges Schleuderprogramm in der Waschmaschine. Mit überraschenden Folgen.

Aus dem melodischen Soul der Sixties wurde ein stiller Groove. Aus dem Herumturnen «am Bluemeweg» ein zielloses Schlendern durchs Leben. Und aus der unbeschwerten Liebessuche ein charmantes Hadern mit sich und der Welt.

Immer wieder laufi drii
Immer wieder a dem gliiche Baum verbii
Säg, bini da nid ersch grad gsi?
Kein Wegwiiser, wo mi ineleit
Ich nimm de Schliichweg
Und nid scho wieder de gliich Weg
Ein falsche Schritt, ei falsches Wort
Und scho verschlots mi zrugg an gliiche Ort
Immer wieder und wieder laufi drii

Das Titelstück «Immer wieder» legt die schöne Ambivalenz des Albums offen. Über vielen Liedern steht das Abmühen gegen die Routine, die Wiederholung, gegen die ewigen Kreise im Labyrinth. Gleichzeitig wagt Min King, musikalisch betrachtet, einen fast schon radikalen Bruch. Wo sich früher Bläser und Gitarren gegenseitig zu überholen versuchten, ist nun oft nur ein einzelnes Instrument zu hören. Auf pompöse Arrangements wird ebenso verzichtet wie auf dominante Refrains. Stattdessen wird der Soul durch ein dunkles Prisma gespielt, und dann tanzen schmale Wesen – aus Reggae, Blues, Hiphop, Funk – wie Schatten an der Wand. Schwarz auf weiss.

Kurz: Alles steht im Zeichen der Reduktion.

Der Plattenvertrag

Dabei hätte Min King einfach dort weitermachen können, wo «Am Bluemeweg» aufgehört hatte: Die Scheibe wurde am Radio rauf und runter gespielt; der Band verlieh man den Titel «Erfinder des Mundart-Soul». Warum also erfindet sich ein Erfinder neu?

«Ich bin kein Poet. Ich schreibe, was ist»: Sänger Philipp Albrecht, den man auch James Brown von Herblingen nennt.

Sänger Philipp Albrecht sitzt auf einer Dachterrasse in der Schaffhauser Altstadt und zieht an einer Selbstgedrehten. «Wenn etwas gut lief, dann wird es oft nochmals so gemacht», sagt der 33-Jährige. «Das langweilt mich.» Später meint er aber auch: «Einigen Leuten wird unser neues Album vermutlich nicht gefallen.»

Nachdem das erste Album herausgekommen war, hatte Albrecht jemanden von Universal am Draht, Obacht: Majorlabel. Eine Frau bot Min King einen Plattenvertrag an, doch der Sänger lehnte noch am Telefon ab. Dafür musste er gar nicht erst Rücksprache mit seinen Bandkollegen nehmen. Man war sich sowieso einig: Für Geld die künstlerische Freiheit opfern, niemals.

Und so hat die Band alles selber gemacht, wie immer. Statt in ein schickes Studio zu gehen, spielte die Band ihre Songs im eigenen Proberaum ein. Direkt, live, roh – unter den wachen Ohren von Produzent Samuel Hartmann. Meist reichte eine Handvoll Versuche, und das Lied war im Kasten. Und damit auch ein gewisses Etwas, «ein Gefühl», sagt Albrecht, «etwas, das man oft mit Vibes umschreibt».

Überwältigend bei den «Immer wieder»-Aufnahmen, wie Philipp Albrechts leicht heiserer Gesang, nein, sein Lamentieren, Hadern, Lachen und Weinen unter die Haut geht. Kein Wunder, dass ihn irgendjemand mal als «James Brown von Herblingen» (wo er aufgewachsen ist) bezeichnet hat.

«Ich bin kein Poet»

Philipp Albrecht hingegen sieht sich «nicht so als der Texter»: «Ich bin kein Poet. Ich schreibe, was ist.» Er bläst Rauch in die Luft; seine grünen Augen dringen nachdenklich durch die Wolke. Dann erzählt er, wie er den Song «Bisch immer no da» geschrieben hat – ein ungemein trauriges, ungemein schönes Reggae-Stück. Es handelt von einer nahestehenden Frau, die erkrankt ist.

Häsch scho lang mal gseit, wellsch goh
Bisch immer no da
De Tag isch lang, hesch kein Tatedrang
Nur die Geischter und Dämone
Halted dich uf Trab
Allerliebschti, gib mer dini Hand
Lueg usem Fenschter und nid nur a d Wand
Ich bi so wiit, ich lo di goh
Danke für dini Liebi – nüt als Liebi

Das Lied zeigte er erst seiner Schwester. «Wo sie dänn hät müesse brüele, hani gwüsst: Mir händs richtig gmacht», sagt Albrecht. Das haben sie. Und wie: Min King bleibt der König des Soul. Bei ihm ist sogar das Weinen schön.

Min King:
«Immer wieder», 25 Franken (als Vinyl, CD oder Download).