Das letzte Aufbäumen

11. September 2017, Brühlmann Kevin
Spielvi-Stürmer Gaetano «Longhi» Longhitano: wie ein Hippie. Foto: Peter Pfister
Spielvi-Stürmer Gaetano «Longhi» Longhitano: wie ein Hippie. Foto: Peter Pfister

Sie waren die letzten Mohikaner im Profifussball: Die Amateure der Spielvi stiegen 1997 in die Nationalliga B auf. Dort trafen sie auf «die Arroganz des Grossen» – den FC Schaffhausen.

Der Geruch von Paella hüllt das Stadion Breite ein. Ein paar Fussballer entledigen sich ihrer riesigen Pullover mit den noch riesigeren Ärmeln, praktisch Zeltabbau. Aus Lautsprechern scherbeln, streng nach Alphabet, die Namen von lokalen Betrieben. An diesem Samstag, dem 30. August 1997, geht alles seinen gewohnten Gang, im Radio singen die Backstreet Boys «Every­body», und irgendwo weiht Bundesrat Ogi wieder mal eine Kasernen-Kantine ein. (Es gibt Hörnli mit Ghacktem.)

In der Schaffhauser Provinz aber passiert Aussergewöhnliches. Es kommt zum Stadtderby: die kleine Spielvereinigung gegen den grossen FCS. Zum ersten Mal kicken sie gegeneinander in der Nationalliga B.

Der Stadtrat ist ob des überraschenden Auftritts der Spielvi derart begeistert, dass er dem Team «in Anerkennung dieser ausserordentlichen Leistung» eine Aufstiegsprämie von 5’000 Franken zahlt.

Spielvieber!
In der ganzen Stadt regiert die Vorfreude. Das «Spielvieber» ist ausgebrochen. Weil das Spielvi-Team – im Gegensatz zum FCS – ausschliesslich aus regionalen Kickern besteht, sind die Sympathien rasch verteilt.

Da erstaunt, dass nur 543 Zuschauer Eintritt fürs Derby vom 30. August bezahlen; die Ticketkontrolleure tragen gelbe Leuchtwesten mit der Aufschrift «Back­side Boys der Spielvi-Family». Insgesamt sind jedoch fast 3’000 Leute am Spiel, trotz miesen Wetters. Irgendwie gelangt jeder, der sich etwas bemüht, an Freikarten; irgendein Onkel oder eine Cousine kennt jemanden, der mit jemandem was hatte, der sich bei der Spielvi engagiert.

Von Looser bis Pesenti: die Aufstellungen des ersten Stadtderbys.

Ausserdem: Weil die Spielvi heute als Gastgeberin auf der Breite auftritt, sind die Tickets günstiger als bei einem FCS-Heimspiel. Das schlägt sich auch in der Garderobe der Trainer nieder. FCS-Coach Walter Iselin gestikuliert im feinen Zwirn an der Seitenlinie, die Ärmel genauso kurz, dass seine teure Uhr nie darunter verschwindet. Marco Filomeno hingegen, ernste Augen unter einer Baseballcap, trägt denselben Schlabbertrainer wie seine Spielvi-Jungs.

Kurz: Um Geld geht es bei der SVS nicht.

Der Aufstieg der Spielvi in die NLB geht als das letzte Aufbäumen von Amateuren im bezahlten Fussball in die Geschichte ein. Als die NLB-Saison Mitte Juli 1997 beginnt, befinden sich noch elf Spielvianer im Urlaub – denn gebucht ist gebucht. Und wenn sie gegen Lugano spielen, steht da ein Stürmer auf dem Platz, Uwe Wegmann (über 50 Tore in der Bundesliga), der 400’000 Franken verdient. Das Vereinsbudget der Spielvi beträgt 300’000 Franken.

Longhis Hüftgelenk
«Aber hallo, was ist denn da los?», fragt sich Longhi, gespielte Ungläubigkeit im Gesicht. «Wir hatten auch schnelle Verteidiger, aber was die uns zum Teil um die Ohren gerannt sind, gopferteckel!» Gaetano «Longhi» Longhitano rührt in seinem Espresso. Der heute 50-Jährige stürmte jahrelang für die Spielvi. Nun sitzt er in seinem italienischen Restaurant im Schaffhauser Grubenquartier. Im Eingang hängt ein grosses Foto der NLB-Mannschaft von 1997. Longhi sticht heraus: Mit seinen langen schwarzen Zapfenlocken sieht er aus wie ein Hippie, der sich im Kleiderschrank vertan hat.

Longhis Locken sind, wenn auch etwas kürzer und grauer, aus dieser Zeit geblieben. Ebenso ein künstliches Hüftgelenk – und Erinnerungen an die Namen damaliger Gegner: Ludovic Magnin, Christian Giménez oder die Trainer Lucien Favre, Marcel Koller, Andy Egli.

Longhi und seine Spielvi-Kumpels, das sind also die letzten Mohikaner im Profifussball. Sie erhalten keinen Lohn, keine Spesen, keine Prämien. Nur zwei Fussballschuhe pro Saison, das muss reichen.

Auch wenn es nur für eine Saison in der NLB gereicht hat, so etwas wird es nach ihnen nie mehr geben.

Nur ein Unentschieden schaut für die Spielvi gegen den grossen FCS heraus (hier am Ball: SVS-Kapitän Thomas Looser).

Während sie dreimal wöchentlich trainieren, jeweils nach Feierabend, und am nächsten Morgen wieder um sieben auf der Matte stehen, und während sie gemeinsam auf Beizentour gehen, auch mal «einen durchziehen» – da lassen sich die Spieler der Konkurrenz die Waden massieren, verpassen dem schicken Auto eine frische Lackierung, schlafen täglich aus und gehen nachmittags zum Training.

Freilich, von ihrem Mohikaner-Dasein wissen die Spielvi-Jungs zu dieser Zeit noch nichts. Der Alltag ist unspektakulär. Den Aufstieg in die NLB hat man ohnehin so genommen wie alles andere im Leben: erst eine Flasche Sekt, dann ein Achselzucken, weil das Vorher doch besser war als das Während.

«Klub aus dem Altersheim»
Das Medienecho nach dem Aufstieg der Spielvi ist überschaubar. Von den nationalen Zeitungen interessiert sich einzig der «Blick» für die Amateure. «SV Schaffhausen – der Klub aus dem Altersheim» titelt das Boulevardblatt im Vorfeld des ersten Derbys. Altersheim? Weil es dem Bühlplatz, dem Feld der SVS, an einer Garderobe mangelt, duschen die Spieler im benachbarten Altersheim «Wiesli».

Überhaupt, der Bühlplatz. Man tut alles, um ihn NLB-tauglich zu machen. So werden neue Reservebänke, sogar überdacht!, gebaut. Allerdings stehen diese gemäss Reglement jetzt zu nahe am Feld, also kürzt man den Platz kurzerhand um je einen Meter in der Breite. Das führt zu reichlich Verwirrung beim kommenden Testspiel, weil es zwei Outlinien gibt.

Doch alle Bemühungen nützen nichts. Der Herr Nationalligadirektor höchstpersönlich inspiziert den Platz, und nach nur einer halben Stunde kommt er zum Schluss, dass dieser «nicht mal 1.-Liga-tauglich» sei. Der Spielvi bleibt nichts anderes übrig, als beim benachbarten FC Schaffhausen anzuklopfen. Dieser besitzt das alleinige Nutzungsrecht des Breite-Stadions, das der Stadt gehört.

Fontanas «Arroganz»
FCS-Präsident Aniello Fontana blockt ab. Er beruft sich auf eine Klausel im Vertrag mit der Stadt, wonach man neben den FCS-Heimspielen zwar «Turn-,­ Musik- und Militärveranstaltungen» durchführen dürfe. «Aber von Fussball steht da nichts!», posaunt Fontana. Es sei denn, lässt er später durchblicken, die Spielvi bezahle 41’000 Franken, verzichte aber auf eigene Werbung im Stadion – «die Sponsoren kann man ja via Lautsprecher nennen». Und der Kiosk bleibe weiterhin in den Händen des FCS.

Dank dem Intervenieren des Stadtrats kommt es doch noch zu einer Einigung: Die Spielvi darf ihre Heimspiele auf der Breite austragen – für eine massiv niedrigere Miete und mit eigenen Werbetafeln.

Die «az» titelt einen Artikel über das lange Hin und Her mit «Die Arroganz des Grossen»: «Es scheint, als ginge es Fontana darum, die SVS von den üblichen Geldquellen im Fussballgeschäft abzuschneiden, den Kleinen auch in Zukunft klein zu halten.»

Zeitungsderby
Im Vorfeld des ersten Derbys gibt sich Spielvi-Präsident Christian Meister plötzlich sehr geheimniskrämerisch. Vor der Mannschaft nuschelt der ansonsten sehr redselige Präsi irgendetwas von «einer Bombe» in seinen Schnauz hinein, einem Sponsor, den er an Land habe ziehen können.

Geil, nicken sich die Spieler anerkennend zu, vielleicht erhalten wir bald etwas Kleingeld, ein wenig Spesen.

Kurz vor dem Derby lüftet Christian Meister das Geheimnis: Die kleine «schaffhauser az» wird neuer Hauptsponsor. Vor jedem Heimspiel gibt es eine «az»-Doppelseite mit Text und Inseraten, deren Einnahmen in die Spielvi-Kasse fliessen. Und die Spieler erhalten alle ein Gratisabo. Im Gegenzug wolle sich Meister «mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln für die Medienvielfalt in der Region» einsetzen.

«az»-Chefredaktor Hans-Jürg Fehr (links) und Spielvi-Präsident Christian Meister präsentieren das neue Trikot.

Ab nun prangt das «az»-Logo auf den weissen Trikots der Spielvi, während die «Schaffhauser Nachrichten» von der Brust des FCS grüssen. Christian Meister wird wenig später für die SVP in den Gros­sen Stadtrat gewählt – durchaus einige Linke geben ihm ihre Stimme.

Das erste Stadtderby an diesem 30. August, das also auch ein Zeitungsderby ist, beginnt schlecht für den Underdog: Der FC geht schon nach 12 Minuten in Führung (Tor: Pesenti). Die leidenschaftlich aufspielende Spielvi hingegen versiebt einige Chancen.

Als Spielvi-Präsident Christian Meister gefragt wird, warum das Team das Tor nicht treffe, antwortet er trocken: «Unsere Spieler sind zu wenig gut.» Und Coach Filomeno hadert mit der ältesten Fussballerweisheit (nämlich der, dass ein Spiel 90 Minuten dauert): «Geht man nach der Statistik, müsste man die Matchdauer auf 60 Minuten reduzieren.» In der Tat kassiert man oft in der letzten halben Stunde einen Treffer, gegen Ende geht den Amateuren der Schnauf aus. So schiesst der FCS in der 70. das 2:0. Und dabei bleibt es: Die Hierarchie in der Stadt ist gewahrt. Fontana atmet auf. Gegenüber den «SN» sagt er darauf, er sei «schon immer dafür gewesen», dass die Spielvi auf der Breite spielen dürfe.

Die Spielvi bekundet auch in den folgenden Spielen ihre liebe Mühe. Die Vorrunde schliesst man als zweitletztes Team ab; es geht in die Abstiegsrunde. Überraschung: Der als Aufstiegskandidat gehandelte grosse Bruder, der stolze FCS, schlittert ebenfalls in die Abstiegsrunde. Doch während sich dieser retten kann, muss die Spielvi zum Ende der Saison wieder runter in die 1. Liga. Immerhin: Das letzte Derby endet unentschieden. In den Schlussminuten gelingt der Spielvi das 3:3.

Neininger verschiesst

Nach dem Penaltyschiessen, das die «az» mit 4:3 gegen die «SN» gewinnt: Peter Hunziker (Nr. 23), Hans-Jürg Fehr, Hannes Germann (schwarze Jacke), Norbert Neininger (Nike-Schuhe), Rolf Baumann (Stirnband) und Thomas Brandenberger (ganz rechts).

Und ein Sieg für den Underdog schaut doch noch heraus: Die «az» gewinnt das Penaltyschiessen gegen die «SN» in der Pause des zweiten Derbys (Resultat 4:3, Norbert Neininger verschiesst). Das sei der «Höhepunkt schlechthin» der Partie gewesen, kommentieren die unterlegenen «SN» darauf. Ob mit Ernst oder Selbstironie ist leider nicht überliefert.

Trotzdem: Im Nachhinein überwiegt der Stolz, es einigen Profiteams gezeigt zu haben. Eine Handvoll Siege schauen heraus; hinzu kommen einige Unentschieden. Sogar gegen grosse Klubs wie Lugano oder die Young Boys.

Der Frust über den Abstieg hält sich daher in Grenzen. «Wir wurden sogar ins Panini-Album aufgenommen», sagt Longhi und lacht. «Am Erscheinungstag sind wir also zum Kiosk gerannt und haben die Panini-Bestände leergekauft.» Derweil hält die Vereinschronik sarkastisch fest: «Es wäre ja auch ein Armutszeugnis für den Schweizer Fussball gewesen, hätte sich ein Klub mit lauter Amateuren in der NLB halten können.»