Walmart-Milliarden an der Bachstrasse

31. Juli 2017, Brühlmann Kevin
Observiert: Das Haus an der Bachstrasse 56, wo nebst Walmart 18 weitere Firmen gemeldet sind.

Der grösste Konzern der Welt in einem Schaffhauser Briefkasten: Wie unser Autor das Schaffhauser Büro des Supermarkt-Giganten suchte. Und wie er Milliardenzahlungen, Drohungen, Steuervermeidung und Walmart-Witze fand.

Zehn blank polierte rote Briefkästen verzerren meine Silhouette, quasi Picasso. Doch die Wirklichkeit holt mich an diesem Montag um 8 Uhr früh schon im nächsten Atemzug ein: Bitte keine Werbung, mahnen roboterhafte Mäuler.

Ich beisse in meinen Schokogipfel und kneife die Augen zusammen. Bachstrasse 56, Schaffhausen, heisst es oben. Der Blick schweift über die glatte Oberfläche der Briefkästen. Und wie der Gipfel freigiebig auf den Boden brösmelt, bleibt mein Blick plötzlich stehen: Walmart.

Mit zwei weiteren Namen auf ein Namensschildchen gepfercht, schaut Wal­mart ziemlich fade in die Welt hinaus. Fast wie ein Preisschild im Supermarktregal. Mit anderen Worten: Hier muss ich richtig sein. Goldrichtig, um herauszufinden, was der Warenhaus-Gigant in Schaffhausen will. Und weil man Fragen am besten im persönlichen Gespräch klärt, suche ich nach dem Büro.

Müsste ja schnell zu finden sein. Schliesslich ist der US-Konzern Walmart das umsatzstärkste Unternehmen der Welt, 486 Milliarden Dollar waren es 2016. 100 Milliarden mehr als das Bruttoinlandprodukt Österreichs. Zwei Millionen Angestellte arbeiten beim Warenhaus-Giganten, so viele wie bei keinem anderen privaten Arbeitgeber. Es gibt diesen Running Gag aus dem Internet, der geht so: Walmart schliesst 269 Läden, das bedeutet, man spart zwölf Angestellte und eine bezahlte Mittagspause ein.

19 Firmen in einem Haus

Zunächst soll das Haus an der Bachstras­se 56 observiert werden, das den Wal­mart-Briefkasten beherbergt. Ein älteres, schön renoviertes Gebäude, dreistöckig, mit Giebeldach und einem spitzen Erkerturm zur Stras­se hin. Im Erdgeschoss und im zweiten Stock brennt Licht; Menschen sitzen in gemeinsamen Büros vor ihren Computern. Oben und in der mittleren Etage ist es finster. Aus dem überdachten, leicht erhöhten Hauseingang leuchtet das Rot der Briefkästen.

Walmart teilt den Briefkasten mit zwei Tochterfirmen.

19 Firmen sind auf diese Adresse eingetragen, darunter eben auch die «Wal-Mart Holdings International Ltd.». Zweck dieser Firma ist, so der Eintrag im Handelsregister: «Erwerb, Halten und Verwalten von Beteiligungen an Gesellschaften sowie Finanzierungstätigkeiten aller Art».

«Finanzierungstätigkeiten aller Art»? Dafür muss ja irgendwo ein Büro zur Verfügung stehen. Doch von einem entsprechenden Klingelschild fehlt jede Spur. Und die schwere Holztür ist verriegelt.

Planänderung: Eigentümer der Liegenschaft ist ein Geschwister-Trio aus Schaffhausen. Als ich dort anrufe und mich nach den 19 Firmen an der Bachstrasse 56 erkundige, stosse ich auf Unverständnis: «So am Telefon, also bitte. Das finde ich komisch. Ich sehe den Sinn Ihrer Sache nicht. Recherchieren Sie weiter, adie.» Das Besetztzeichen ertönt.

Der Himmel ist grau, aber trocken. Ich beschliesse daher, vor dem Gebäude zu warten, und setze mich auf eine kleine Mauer. Eine junge Frau in Turnschuhen und Jeans läuft an mir vorbei, dunkles Haar, sie wirkt etwas mürrisch. Weil ich gerade meinen Rucksack vom Kaffee zu befreien versuche, den ich verschüttet habe, merke ich zu spät, dass die Frau Post aus einem der Briefkästen holt. Als sie im Haus verschwindet, fluche ich leise vor mich hin, und es beginnt zu regnen. Ich flüchte unters Dach des Parkplatzes, der gleich neben dem Haus liegt.

Kapital: 2,3 Milliarden

Gegründet wurde «Wal-Mart Holdings International Ltd.» im November 2002, so der Ersteintrag im Handelsregister, und zwar bei der Schaffhauser Anwaltskanzlei «Peyer Alder Keiser». Alder, Hans Rudi mit Vornamen, ist gar Verwaltungsrat der Holding.

Ob Herr Alder zu sprechen sei, frage ich am Telefon.

Bedauerlicherweise nicht, sagt die nette Sekretärin. Er sei in den Ferien, und bis nächste Woche würde er nicht zurücksein, aber sie könne ja seinem Kollegen, dem Herrn Keiser, die Bitte nach einem Rückruf ausrichten.

«Finanzierungstätigkeiten aller Art»: Was geht in diesem Haus vor?

Ja, schönen Dank, sage ich etwas geistesabwesend und lege auf; meine Stirn runzelt sich ob des zweiten Firmeneintrags vom Januar 2003, zwei Monate nach der Gründung. Da heisst es: Das Aktienkapital wird von 100’000 auf 2,3 Milliarden Franken erhöht. Und «den Büchern der Gesellschaft» werden 13,1 Milliarden Franken «gutgeschrieben». Diese «Sacheinlage» kommt vom Mutterkonzern in Bentonville, Arkansas.

Sind das nun die «Finanzierungstätigkeiten aller Art»?

Unter den damaligen Verwaltungsräten des Schaffhauser Ablegers findet sich auch ein gewisser Charles Holley Junior. Der 61-jährige Frührentner, bekannt durch rote Krawatte und strammen Seitenscheitel, war zuletzt Executive Vice President und Finanzchef von Walmart. Zuvor kümmerte er sich vor allem um die Steuern; das ist dem Konzern eine eigene Abteilung wert.

Die NGO-Vereinigung «Americans for Tax Fairness» veröffentlichte im Juni 2015 eine Studie: Mindestens 76 Milliarden Dollar, so die Erkenntnis, hat Walmart zur Vermeidung von Steuern auf 15 Steueroasen verteilt. Steueroasen wie Schaffhausen. Denn Holdings bezahlen im Kanton keine Gewinnsteuer, und die Kapitalsteuer beträgt 0,0025 Prozent – vierzigmal weniger als bei ordentlich besteuerten Unternehmen.

«Finanzierungstätigkeiten aller Art», schön und gut, aber wer und wo?

Kurz nach halb zehn fährt der Pöstler mit Moped und Anhänger vor, ein drahtiger Mann um die 60 in Pelerine. «Ich bin auf der Suche nach Walmart», sage ich vorsichtig. «Ist hier», meint der Pöstler knapp und zeigt auf den Briefkasten. Und das Büro? Der Pöstler zieht die Kapuze nach hinten und erklärt, dass er noch nie jemanden von der Firma gesehen habe. «Der Briefkasten wird aber auf alle Fälle geleert, er ist noch nie übergequollen.»

Der Wind drückt die Bindfäden unters Parkplatzdach. Sie tropfen auf die Schuhe, als die junge Frau mit den dunklen Haaren wieder aus dem Gebäude kommt. Rauchpause.

«Wissen Sie, wo das Walmart-Büro ist?»

«Ähm, ich würde sagen: falscher Kontinent.»

Ich deute auf den Briefkasten, sie wirkt baff. Davon höre sie zum ersten Mal, obwohl sie hier arbeite. Aber sie könne ja ihre Chefin fragen – ich soll doch bitte gleich mitkommen. Die Frau schliesst die Holztür auf, ich folge ihr in den engen Flur. Wir nehmen den Lift; ihre Firma habe sich im Erdgeschoss sowie im zweiten Stock eingemietet, erklärt die Frau.

Die Chefin schaut mich noch verdutzter an als die Frau zuvor. «Walmart», sagt sie, als ich bei ihr oben im Büro stehe, «Walmart – na sowas.» Es hört sich so an, als spreche sie über eine unlösbare mathematische Gleichung. Immerhin, sie hat einen Tipp für mich: «Im mittleren Stock versuchen.»

Die Frau mit den dunklen Haaren führt mich zu einer Tür am Ende des Korridors. «Der Lift hält leider nicht im mittleren Stock, Sie müssen die Treppe nehmen.»

Büro? Fehlanzeige

Düsteres Treppenhaus.

Das enge Treppenhaus ist kaum beleuchtet. Die Stufen sind mit einem hässlichen grauen Teppich bespannt, das polierte Holzgeländer wirft groteske Schatten an die Wände. Langsam taste ich mich nach unten, die Schuhe schnurren über den Teppich, bis ich vor einer schmucklosen weissen Tür stehe. Sie ist verschlossen.

Klopfen, einmal, zweimal, dreimal – nichts passiert. Stille aus dem Innern. Von draussen meine ungläubige Frage: Hier sollen Dutzende Milliarden Franken verwaltet werden?

Ich setze mich auf die Treppe und warte.

Herr Keiser von der Kanzlei «Peyer Alder Keiser» – dem ersten Sitz von Wal­

Die Tür, hinter der Walmart angeblich das Büro habe – eine Fehlinformation.

mart in Schaffhausen – ruft mich zurück. «Walmart», meint er zögernd, aber nicht unfreundlich. «Stimmt, das ist bei uns mal herumgegeistert. Aber ich weiss davon vermutlich weniger als Sie, ich mache Sozialversicherungs- und Haftpflichtrecht. Da müssen Sie Hans Rudi Alder fragen. Er ist zwar in den Ferien, aber schreiben Sie ihm eine Email.»

Per Mail lässt Alder später ausrichten, dass ich mich an die Presseabteilung des Konzerns wenden soll.

Nach einer halben Stunde im Schummerlicht des Treppenhauses klopfe ich noch einmal an die Tür, vergeblich.

Hier gibt es kein Büro.

Ich verlasse das Haus, nun stelle ich mich allerdings in den Hauseingang, wo auch die Briefkästen angebracht sind.

Walmart schafft sich Kunden

Via Mobiltelefon stosse ich auf einen weiteren Witz im Internet, einen traurigen zwar, weil wahren: Bei Walmart gibt es nur zehn Typen, die Mitglied einer Gewerkschaft sind. Irgendwo in einer Fleisch­abteilung im Osten der USA. Und in Kanada haben sie einmal ein ganzes Kaufhaus dichtgemacht, weil sich die Angestellten gewerkschaftlich organisiert hatten. «Im Schwitzkasten der Effizienzsteigerung» drückt Walmart «das Lohnniveau und schafft sich so die Kunden, die auf niedrige Preise angewiesen sind», heisst es in einem Artikel der «Zeit».

Ob das auch hier getan wird? Ich mustere noch einmal das rot polierte Metall im Hauseingang: Walmart teilt den Briefkasten mit zwei weiteren Holdings – diese sind Tochterfirmen des Schaffhauser Ablegers. Früher waren es gar mehr. Im Dezember 2011 schluckte der Bachstrassen-Walmart eines der Subunternehmen und übernahm dabei Aktiven in der Höhe von 17,2 Milliarden Franken. Rund um Walmart gibt es ein regelrechtes Geflecht an Firmen; die Adresse ist jedoch fast immer dieselbe an der Bachstrasse 56. Auch die Namen sind die gleichen. Eine Person sticht besonders hervor: Daniel Stoll, Anwalt bei der Zürcher Kanzlei Thouvenin, spezialisiert auf Wirtschaftsrecht, noble Lage in der Nähe des Utoquais. Bis Ende 2016 war Stoll auch Verwaltungsratspräsident der Schaffhauser Walmart-Stelle.

Anruf in Zürich, es ist halb elf: «Herr Stoll, guten Tag, ich bin auf der Suche nach dem Walmart-Büro an der Bachstras­se 56.»

Gegenfrage Stoll: «Wer sind Sie? Was wollen Sie?»

Erklärung, dann Gegenfrage: «Was macht Walmart in Schaffhausen?»

Erklärung Stoll: Ich soll mich an Arlette Pfister wenden, seine Kanzlei-Kollegin, die seine Nachfolge als Verwaltungsratspräsidentin übernommen habe. Und: «Einfach, dass es klar ist: Ich will nicht zitiert werden.»

Erneuter Anruf in Zürich, gleiche Nummer, gleiche Frage, quasi Déjà-vu facultatif: «Grüezi Frau Pfister, leider finde ich das Walmart-Büro in Schaffhausen nicht, nur einen Briefkasten. Können Sie mir weiterhelfen?»

Antwort Arlette Pfister: «Ich bin nicht instruiert, mit der Presse darüber zu reden.»

Frage: Wofür sind Sie dann instruiert? Was ist die Aufgabe des Bachstrassen-Walmarts?

Reklamation Pfister, aufgebracht: «Melden Sie sich bei der Pressestelle des Konzerns. Ich verbiete Ihnen zu schreiben, Sie hätten mit mir geredet! Sonst werde ich ein Verfahren einleiten, da können Sie sicher sein.»

Einwand: Sie sind Verwaltungsratspräsidentin, öffentliches Mandat, Sie tun doch nichts Verbotenes.

Schlusswort Pfister, noch immer aufgebracht: «Sommerloch oder was? Ich habe nicht mit Ihnen geredet. Schönen Tag noch.»

1 Milliarde für Aktionäre

Es hat aufgehört zu regnen. Gemütlicher ist es allerdings nicht geworden: Im Minutentakt rasen Sanitätswagen und Polizeiautos mit Sirene vorbei; über der Stadt kreist ein Rega-Helikopter. Anscheinend ist ein Mann mit Kettensäge Amok gelaufen in der Stadt. Von Weitem sehe ich die Gaffer am Ende der Vorstadt. Ich widme mich wieder dem Handelsregister.

Und siehe da, im Januar 2015 gibt es einen Hinweis auf die Arbeit der Firma: Damals, so der Eintrag, setzt die Schaffhauser Walmart-Stelle ihr Aktienkapital herunter. Dabei werden 761,36 Millionen Franken «zur Rückzahlung an die Aktionäre verwendet». Wenig später, im September desselben Jahres, wiederholt sich das Ganze. Diesmal sind es 260 Millionen, die ausgeschüttet werden. Summa summarum: 1,02 Milliarden Franken in nur acht Monaten ausbezahlt.

Obschon mehrheitlich Nichtraucher, stecke ich mir eine Zigarette an. Durchlüften. Es bleibt die Frage: Warum will niemand über den Walmart-Briefkasten sprechen? Über die «Finanzierungstätigkeiten aller Art»? Wie werden die Milliarden verwaltet? Woher kommen sie, wohin fliessen sie? An meinen Haarwurzeln sammelt sich gros­ses Unbehagen.

Eine Notiz zurückgelassen – keine Antwort.

Um Viertel nach zwölf lasse ich das Haus an der Bachstrasse 56, zehn Briefkästen, Walmart, 18 weitere Firmen und eine handgeschriebene Notiz zurück. Ich brauche eine Dusche.

Nachtrag: Die Mail an die Pressestelle des US-Konzerns bleibt ebenso unbeantwortet wie die Notiz.