Plötzlich Terrorschüler

7. Juli 2017, Brühlmann Kevin
Bachschulhaus. Foto: Peter Pfister
Bachschulhaus. Foto: Peter Pfister

Als der 17-jährige Problemschüler im Bachschulhaus langsam wieder auf die richtige Bahn gerät, entdecken Medien und Politik den Fall. Und schlachten ihn ohne Skrupel aus. Mit schweren Folgen für den Schüler. Die Chronik einer antimuslimischen Kampagne.

Von Kevin Brühlmann und Jan Jirát*

Das Bachschulhaus Schaffhausen hat es in die Welt der AfD und Co. geschafft: Auf Seiten wie «Unsere Frauen und Kinder sind kein Freiwild» oder «Mut zu Deutschland» wird gewaltig gegen den 17-jährigen Schüler Ezgjan A. (Name geändert) gehetzt. «Ausschaffen!», «totschlagen!», «Satan-Anbeter!», so der übliche Ton.

Es ist der Gipfel einer Kampagne, die Ezgjan A. zu einem islamistischen Terrorschüler stilisierte.

Den Fall medial ins Rollen brachten die «Schaffhauser Nachrichten» Mitte Februar. Dort hiess es, der Schüler habe «das Bachschulhaus monatelang in Angst und Schrecken» versetzt. Dann schrieb die «Weltwoche», A. «drifte in eine von Gewaltfantasie bevölkerte Parallelwelt ab» und habe «eine Bluttat angekündigt». Und der «Blick» betitelte ihn als «gefährlichsten Schüler Schaffhausens», nachdem die Boulevard-Reporter der Familie vor der Haustür aufgelauert und A. sowie seine Mutter abgepasst hatten.

Grundlage dieser Horrorszenarien sind mehrere Sitzungsprotokolle des Schaffhauser Stadtschulrats. Diese liegen mittlerweile auch der «az» vor. Und die Lektüre legt zweierlei offen: eine sehr einseitige mediale Darstellung des Falles und ein unsauberes politisches Machtspiel. Um das zu erkennen, muss man den Fall nochmals von vorne aufrollen.

Skandal statt richtige Bahn
Mit Ausnahme des «Magazin» ignorierten die Medien weitgehend die Person, die den tiefsten Einblick in den Fall hat: Ernst «Yak» Sulzberger. Der 63-Jährige GLP-Politiker ist als Mitglied des Stadtschulrats für das Bachschulhaus zuständig.

Sein ganzes Berufsleben lang beschäftigte sich Sulzberger mit Problemfällen; bis zu seiner Pensionierung Ende 2016 war er Vizepräsident des Kantonsgerichts. Er sagt: «Ich wusste, dass der Job als Stadtschulrat nicht einfach wird. Aber dieser aktuelle Fall setzt mir zu wie kaum einer zuvor.»

In seiner Version hört sich der Fall zusammengefasst wie folgt an: A. war bis zu seinem letzten obligatorischen Schuljahr ein unauffälliger Schüler. Das änderte sich nach einem Lehrpersonwechsel im Sommer 2016. Besonders nach den Herbstferien sei A. öfters negativ aufgefallen und habe Konflikte mit Lehrpersonen gehabt.

Dies ist auch im Sitzungsprotokoll vom 30. November 2016 des Stadtschulrates festgehalten. Damals war A. ein Thema, weil der gläubige Moslem in den Pausen gebetet hatte, wozu er jeweils ein freies Zimmer aufsuchen durfte. Das verbot ihm der Stadtschulrat – die Schule sei ein religiös neutraler Ort.

Nachdem der frisch gewählte Sulzberger sein Amt Anfang 2017 angetreten hatte, verschlechterte sich die Situation entscheidend. A. bespuckte und schlug Mitschülerinnen, er verprügelte einen Mitschüler, zeigte einem anderen Mitschüler ein Rüstmesser und bedrohte Lehrer. «Ohne Zweifel schwerwiegende Vorfälle», sagt Sulzberger, «aber keineswegs völlig aussergewöhnlich.»

Sulzberger reagierte umgehend und organisierte Ende Januar ein Elterngespräch. Auch zwei Polizisten waren dabei anwesend – die Polizei hatte das so angeboten, nachdem sie über den Fall informiert worden war. Danach gleiste die Schulbehörde sofort die Suspendierung A.s von der Schule sowie die Versetzung in die so genannte Time-out-Klasse auf. Und die Staatsanwaltschaft leitete eine Strafuntersuchung ein.

Eine Fachstelle klärte zudem ab, ob bei A. eine Radikalisierung stattgefunden habe. Eine Lehrperson stellte nämlich während des Unterrichts fest, dass A. die Website des Islamischen Zentralrats aufgerufen hatte. Das Ergebnis der Radikalisierungsabklärung war negativ.

So weit Sulzbergers Ausführungen, die mehrere Lehrpersonen des Bachschulhauses gegenüber der «az» bestätigten.

Und doch: Es gibt eine Lehrperson, die den Fall anders wahrgenommen hat. Ausgerechnet sie ist, in beratender Funktion, die Vertreterin der Oberstufe im Stadtschulrat. Entsprechend flossen ihre Aussagen («psychopathischer Eindruck», «konsumiert IS-Propaganda», «prahlt mit Messer») in die Protokolle ein – und von dort in die Berichterstattung von «SN», «Weltwoche» und «Blick».

Die «az» hätte von dieser Lehrperson gerne erfahren, weshalb ihre Darstellung so wesentlich abweicht von jener der Kollegen und ob sie dafür auch Beweise habe. Leider war sie nicht erreichbar.

Jedenfalls schien es Ende Januar, als würde A. wieder in die richtige Bahn gelangen. Es kam jedoch anders. Später wird man im Stadtschulrat sagen: «Wir haben den Fall aus den Medien nicht mehr wiedererkannt.»

Politische Vorstösse!
Am 14. Februar veröffentlichte die städtische SVP eine Interpellation. Titel: «Unhaltbare Zustände an den Schaffhauser Schulen!» Darin hiess es: «Lehrer werden mit Waffen bedroht, Mädchen werden aus nächster Nähe ins nicht verhüllte Gesicht gespuckt.» Es ging um den Fall A. Doch statt von einem Einzelfall unter den 3’500 Schülern der Stadt war plötzlich von «schwerwiegenden Sicherheitsproblemen an den Schaffhauser Schulen» die Rede: «Es herrscht grosse Angst um Leib und Leben.»

Dass die Interpellation von Edgar Zehnder, Baumeister von Beruf, unterzeichnet war, erscheint je länger, je mehr erstaunlich. In sechzehn Jahren reichte er gerade einmal zwölf Vorstösse ein – zu Natel­antennen, Wildwuchs, den Wahlterminen oder einem Verkehrskreisel beim Schwabentor. Kurz: Der schrille Tonfall passte nicht zum 53-Jährigen. Die «az» wollte von Zehnder wissen, woher er seine Informationen habe. Und, insbesondere, welche Rolle die Tatsache spielte, dass seine Tochter am Bachschulhaus dieselbe Klasse wie A. besuchte. Seine Antwort blieb aus.

Mutmasslich liefen die Fäden ohnehin bei einer anderen Person zusammen: bei Mariano Fioretti. Der 48-Jährige ist gleichzeitig Vizepräsident des Schulrats, SVP-Parteisekretär, Kantonsrat und Grossstadtrat. Seine politischen Vorstösse enden üblicherweise mit einem Ausrufezeichen: «Behördenpropaganda des (SP-)Stadtpräsidenten!», «100 Asylsuchende mitten im Wohnquartier!», «Ungleichbehandlung von Mann und Frau in KSS-Wellnesspark Aisuma stoppen!»

Hierzu passt: Die SVP-Interpellation ging am 14. Februar, kurz vor Mitternacht, zuerst an die Medien. Katrin Huber, die Schulratspräsidentin, erfuhr erst am folgenden Nachmittag von Zehnders Vorstoss. Auf die Fragen der Journalisten konnte sie keine Antwort geben.

Laut Protokoll gab sich Mariano Fioretti später an einer Sitzung der Schulbehörde unwissend: Er distanziere sich von der Interpellation, meinte er. Vom Verschicken an die Medien habe er nichts gewusst.

Allerdings: Die Email, die auch die «az» erhalten hat, war unterzeichnet von Mariano Fioretti. Ein anderes Schulratsmitglied kommentierte am selben Treffen, Fioretti habe Huber «bewusst ins offene Messer laufen lassen».
Auszug aus den Protokollen des Stadtschulrates.
Auszug aus den Protokollen des Stadtschulrates.

Angriff auf den Stadtschulrat
Darum lohnt es sich, bei den Protokollen des Stadtschulrats zu verbleiben. Daraus wird klar, dass Fioretti nach dem politischen Vorstoss seines Parteikollegen Zehnder – und zwar ausschliesslich nachher – immer wieder dieselben Punkte einbrachte: der Stadtschulrat habe viel zu spät gehandelt, «unter den Tisch gewischt», «verharmlost», und von A. gehe Lebensgefahr aus.

Es ist dieselbe Rhetorik, die seine Partei seit Mitte Februar 2017 bei jeder Gelegenheit verwendet. Das Motiv dahinter ist eindeutig: Es geht um die Diskreditierung des «linksideologischen» Stadtschulrats. Erst kürzlich legte die SVP mit einer Medienmitteilung – «Unprofessionelle Stadtschulratsmitglieder und Schulsozialarbeit!» – nach und forderte die Neubesetzung des Gremiums.

Was Fioretti und seine Partei nicht erwähnten: Als der Fall im Herbst 2016 zu brodeln begann, war der Stadtschulrat noch bürgerlich dominiert. Fürs Bachschulhaus verantwortlich war damals Manuela Roost-Müller von der FDP.

«Das Vorgehen der SVP ist widersprüchlich», sagt Ernst «Yak» Sulzberger. «Die Partei verhindert die Einführung von Schulleitungen genauso wie die Aufstockung der Schulsozialdienste. Im Bachschulhaus gibt es nur einen ambulanten, aber keinen fixen Dienst, weil die Sekundarschule immer als vorbildlich galt.» Ausserdem habe er nach einem Monat im Amt, das einem 20-Prozent-Pensum entspricht, die Suspendierung und Umplatzierung sowie die Radikalisierungsabklärung organisiert. «Wenn ich dann lesen muss, der Stadtschulrat vertusche und verharmlose, werden Sie einsehen, dass ich ziemlich Mühe mit dem politischen Stil dieser Partei habe.»

Zu den Vorwürfen wollte Fioretti nicht Stellung nehmen; der «Fall mit der Interpellation» sei abgeschlossen, liess er ausrichten. Für A. ging es mit der Interpellation aber erst richtig los.

Den Anfang machten wie erwähnt die «SN». An mehreren aufeinanderfolgenden Tagen berichtete die Zeitung über A. und Zehnders Vorstoss. Spätestens als die «Weltwoche» Anfang April erstmals «Recherchen» präsentierte, nahm die Berichterstattung Züge einer antimuslimischen Hetz-Kampagne an. Mit fragwürdigen Methoden: Die Wochenzeitung stützte sich allein auf die Protokolle der Schulbehörde. Weitere Nachforschungen blieben aus. Dennoch nahm Journalist Philipp Gut eine Ferndiagnose vor: «Abdriften (A.s) in seine von Gewaltfantasien bevölkerte Parallelwelt.»

Das mediale Echo ging nicht spurlos an A. vorbei, mit dem die «az» das Gespräch vergeblich gesucht hat. Eine Lehrperson kommentiert seine Situation so: «Jetzt, nach dem ganzen Rummel, kann er nirgends mehr hin. Er wurde in die Enge getrieben.»

Mitte Juni tauchte A. trotz Arealverbot in seiner alten Schule auf und löste einen Polizeieinsatz aus. Gemäss mehreren Lehrpersonen sei A. auf dem Heimweg gewesen, als er von ehemaligen Mitschülern provoziert worden sei. Dann habe A. die Schule beschimpft, im Sinne von: Ihr seid schuld an meinem Unglück.

Die «SN» schrieben darauf: «Die ‹SN› konnten gestern mit mehreren Schülerinnen und Schülern sprechen. Wie sie übereinstimmend sagten, habe der 17-Jährige gerufen: ‹Ihr habt mein Leben versaut! Ich töte euch alle!› Direkt gehört hätten sie diese Aussage allerdings nicht. Sie hätten von ihrer Lehrperson erfahren, dass der Mazedonier dies gegenüber einer weiteren Lehrperson gesagt hätte.» Keiner der von der «az» befragten Lehrer konnte diese Information bestätigen.

Wie es nun mit A. weitergeht, ist offen. Ans Bachschulhaus wird er jedenfalls nicht zurückkehren können.

* Jan Jirát ist Redaktor bei der «WOZ». Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit der Wochenzeitung.

Die «az» veröffentlicht an dieser Stelle die Original-Protokolle der Stadtschulratssitzungen von November 2016 bis Mai 2017. Alle Personalien sind geschwärzt – ebenso wie diejenigen Inhalte, die nicht den «Fall Bachschulhaus» betreffen: Protokolle ansehen